Interessengemeinschaft und Beratung für Berliner Mieter
MieterEcho 450 / Juni 2025

Wiener Erfolgsgeheimnisse

Die österreichische Hauptstadt gilt als Vorbild für das leistbare Wohnen.

Von Maik Novotny

„Agency for better living“ lautet der Titel des österreichischen Beitrags auf der Architekturbiennale Venedig, die Anfang Mai eröffnet wurde. Die drei Kurator/innen Michael Obrist, Sabine Pollak und Lorenzo Romito stellen darin die konträren Situationen des Wohnens in Wien und Rom gegenüber. In Rom die Geschichten der Selbstermächtigung angesichts staatlichen Versagens in Form von Besetzungen leerstehender Fabriken durch Aktivistengruppen. In Wien die kontinuierliche Rundumversorgung, die die Stadt zum Vorbild für leistbares Wohnen macht, aber deren fürsorglicher Paternalismus auch eine gewisse Lethargie erzeugt.

Österreich ist 2025 der einzige Biennale-Beitrag, der sich mit dem elementaren Thema Wohnbau beschäftigt. Das mag auch daran liegen, dass die Kurator/innen dieses eher elitären Events sich fast ausschließlich aus akademischen Kreisen rekrutieren, in denen entweder die Sorgen um Existenzgrundlagen weniger dringlich erscheinen oder universitäre Forschungen zu Wohnbauthemen weniger Sponsorengelder einbringen.

Aus Wien war zur feierlichen Eröffnung eine sozialdemokratische Starbesetzung angereist: Vizekanzler und Wohnbau-Minister Andreas Babler, Bürgermeister Michael Ludwig, Vizebürgermeisterin und Wohnbaustadträtin Kathrin Gaál, die Leitung des wohnfonds_wien, der für die Bereitstellung von Liegenschaften zuständig ist, sowie Vertreter/innen der gemeinnützigen Wohnbauträger. Man sonnte sich im Glanz des internationalen Lobs und war nur bedingt daran interessiert, sich von anderen Ländern zu neuen Ideen inspirieren zu lassen.

Warum auch, könnte man sagen, wird Wien doch zu Recht als Vorbild anerkannt. Die Leistungen des „Roten Wien“ der 1920er Jahre, als dank der Wohnbausteuer 64.000 Gemeindewohnungen in hohem Standard errichtet wurden, sind elementarer Kern der Wiener Identität, und auch in den Stadtentwicklungsgebieten von heute geben sich Delegationen aus dem Ausland die Klinke in die Hand. Während der soziale Wohnbau in vielen anderen Ländern als Notversorgung der Ärmsten verstanden wird, gilt in Wien die „soziale Nachhaltigkeit“ als Prämisse: ein breites Einkommensspektrum, um Ghettoisierung und Stigmatisierung zu vermeiden.  

Wachsender Kostendruck für Bauträger

Einige der Erfolgsfaktoren des Wiener Wohnbaus sind weitgehend bekannt, andere werden oft übersehen, weil sie zu fachspezifisch sind oder fälschlich als selbstverständlich gelten. Zu letzterer Kategorie zählt etwa die in ganz Österreich geltende Bevorzugung der Objektförderung gegenüber der Subjektförderung, das heißt: Fördergelder für die Wohnraumversorgung werden vorwiegend in die Errichtung von Wohnbauten investiert, anstatt als Wohnbeihilfen für bedürftige Personen. Der Vorteil: Die Mieten in diesen Bauten bleiben langfristig leistbar. Denn bei stark steigenden Mietkosten reicht auch die Wohnbeihilfe nicht mehr; die Folge sind prekäre Lebensverhältnisse oder die Verdrängung weniger wohlhabender Schichten an den Stadtrand. 

Ein weiterer oft ignorierter Erfolgsfaktor ist der hohe Aufwand für den laufenden Erhalt. Dies beinhaltet sowohl soziale Leistungen wie das Besiedlungsmanagement bei neueren Wohnquartieren, als auch den technischen Betrieb. Im 1975-86 erbauten Wohnpark Alt-Erlaa mit 3.200 Wohnungen, vielen Gemeinschaftsräumen und höchster Wohnzufriedenheit sind 50 Mitarbeiter/innen für die Instandhaltung und weitere 80 für die Reinigung zuständig. Dies funktioniert nur deshalb so gut, weil diese Instandhaltung nicht an private Firmen outgesourct wurde und weil sie rund um die Uhr vor Ort ist.

Grund genug, um sich international loben zu lassen, doch perfekt ist auch Wien nicht. Steigende Baukosten und Teuerung bei weitgehend stabilem Mietniveau setzen die gemeinnützigen Bauträger unter Druck. Gespart wird vor allem bei architektonischen Qualitäten, und das sieht man den neuesten Stadtquartieren auch an. Die Lösung? Würde das allgemeine Lohnniveau steigen, wäre auch eine leichte Anhebung der Mieten vertretbar. Aber diese Entscheidungen müssen auf politischer Basis getroffen werden. Die gesamte Bürde der Leistbarkeit kann der Wohnbau auch in Wien nicht allein schultern. 

 

Maik Novotny ist Architekturjournalist in Wien. Er schreibt für die Tageszeitung Standard, die Wochenzeitung Falter und für Fachmedien. Seit 2022 ist er Vorstandsvorsitzender der Österreichischen Gesellschaft für Architektur (ÖGFA).


MieterEcho 450 / Juni 2025

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