„... und der Zukunft zugewandt“
„Wertebasierte“ Wohnungspolitik in der DDR und der BRD. Ein Systemvergleich.
Von Karin Baumert
In einer angeblich „wertebasierten“ Demokratie ist das Menschenrecht auf Wohnen ein seltener Schatz. Angesichts der Schwierigkeiten, preiswerten Wohnraum zu finden, bleibt dieser Schatz den meisten Menschen verwehrt. Nun sind Menschenrechte nicht teilbar, d. h. die Meinungsfreiheit kann nicht gegen das Menschenrecht auf Wohnen aufgewogen werden. Dennoch diskutiert es sich in der Obdachlosigkeit nicht so gut und kultiviert wie auf der Couch im Eigenheim. Gern werden wohnungslose Menschen als Verlierer/innen der Gesellschaft angesehen. Der Zusammenhang zwischen Armut und z. B. Zwangsräumung wegen Eigenbedarf liegt auf der Hand. Wer davon betroffen ist, sieht die Obdachlosigkeit heranziehen. Immer häufiger treibt die Eigenbedarfsklage Menschen in den Selbstmord oder in handlungsunfähige Zustände.
Angesichts der dramatischen Lage auf dem Wohnungsmarkt sei ein Blick in die Geschichte erlaubt. Wie hat eigentlich die DDR seinerzeit die Wohnungsfrage gelöst? Zunächst hat die Regierung das als zentrale Frage für die weitere Entwicklung der Gesellschaft definiert, mit der Leitlinie: „Jedem eine Wohnung.“ Der gesellschaftliche Anspruch „Jedem seine Wohnung“ sollte der Zukunft vorbehalten bleiben.
Einige werden da innerlich aufschreien und eine Gleichmacherei wittern. „Das ist doch wettbewerbsverzerrend“, grummelt es auf der Couch im Eigenheim. Auf der Straße aber schüttelt man den Kopf. Hier wären es paradiesische Zustände, wenn jedem eine Wohnung zur Verfügung stünde. Hier sind wir an einer zentralen Frage: Soll das Wohnen zum Gemeingut werden, auf das jede/r Anspruch hat? Obdachlosigkeit ist die Kehrseite einer an Profiten orientierten Investorenpolitik mit Wohnungen sowie mit Grund und Boden. Eine auf Menschenrechten basierende Wohnungspolitik orientiert sich aber an dem Ziel „Wohnungen für alle“.
Doch wie ging das nun in der DDR? Der sozialistische Staat hatte den großen Vorteil, dass Grund und Boden kein Spekulationsobjekt in den Händen weniger waren, sondern sich in kommunaler Hand befand. Darum konnte der Wohnungsbau auch geplant und mit den Möglichkeiten des seriellen Bauens industriell realisiert werden.
Am Anfang stand die Planung
So wurde in zahlreichen Groß-, Mittel- und Kleinstädten an den Wohnungsbau herangegangen. Sogar in Dörfern, in denen aufgrund der genossenschaftlichen Organisation der Landwirtschaft der Bauer zum Arbeitnehmer wurde, sieht man heute noch die Neubauten. Die Plattenbauweise brauchte Betonwerke und Wohnungsbaukombinate. Man plante in großem Stil. Eine der ersten Großbausiedlungen war Leipzig-Grünau. Seit Jahrzehnten wird dieses Gebiet von Stadtsoziolog/innen begleitet. Bis heute wohnt man dort gern. Es folgten Halle-Neustadt, Berlin-Marzahn und später kam in der Hauptstadt noch Hellersdorf dazu.
Wer sich über das Ausmaß des sozialistischen Städtebaus einen Überblick verschaffen möchte, der besuche die „Gärten der Welt“. Mit einer Seilbahn fährt man auf den Kienberg und hat einen großartigen Ausblick auf die Städte der Zukunft, wenn die Wohnungsfrage gelöst sein wird: Durchgrünt, großzügig gestaltet und in scheinbar endloser Weite. Der Wohnungsbau war gut organisiert. Sechs Bauarbeiter/innen bildeten eine Brigade und montierten pro Schicht eine Wohnung aus Fertigteilen. Die waren im Werk vormontiert worden. Die Wohnungen waren nach Typen eingeteilt. Vom Typ WBS 90 werden viele schon einmal gehört haben. In Leipzig-Grünau arbeiteten zeitweise bis zu 5.000 Bauarbeiter/innen gleichzeitig in sieben Taktstraßen. Denn die DDR nahm es mit der Lösung der Wohnungsfrage ernst.
Häufig wird die Vergabe der Wohnungen als „nicht für alle frei zugänglich“ gebrandmarkt. Insbesondere die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der „SED-Diktatur“ ist schnell im Urteil darüber, wer alles auf eine Wohnung warten musste, und wer bevorzugt wurde. Aus der Perspektive einer „freiheitlich-demokratischen Ordnung“, wie die der Bundesrepublik, kann man schon zu der Überzeugung kommen, dass in der DDR die Freiheit unterlaufen wurde. Denn hier regierte nicht der Markt, sondern sozialer Sachverstand, auf dessen Grundlage dann einige bevorzugt wurden. So kann das Wohnungsbauprogramm ohnehin nicht ohne die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen bewertet werden.
Frauen konnten sich scheiden lassen, bevor die erste Tasse flog. Sie waren ökonomisch selbstständig, und für ihre Kinder war von der Kita über das kostenlose Mittagessen bis zum Hort gesorgt. Aber das Beste an der Emanzipation à la DDR waren die männlichen Kollegen, die auch ihre Kinder von der Kita abholen mussten und darum die Arbeitszeit kinderfreundlich gestalteten. Die Kitas waren länger auf, aber es gab auch keine Teamsitzungen bis in den Abend hinein. Von drei Ehen wurden im Osten zwei geschieden – auch weil alleinerziehende Frauen bevorzugt eine neue Wohnung bekamen.
Aber der Städtebau in der DDR ging über den Wohnungsbau und über die Organisation des Alltags weit hinaus. Es wurden auch städtebauliche Höhepunkte geplant und gebaut. Die Karl-Marx-Allee war überhaupt der Anfang einer grundsätzlich neuen Idee von Stadt. Paläste sollten für Arbeiter/innen gebaut werden. Hier flanierte man gern. Der Fernsehturm mit seinem städtebaulichen Freiraum und den Wasserspielen lud zum Verweilen ein. In allen Städten der Republik gab es Kulturhäuser statt Shoppingmalls. In den Ferien fuhr man nach Ostberlin in den Palast der Republik. Auch wenn in den großen Wohnsiedlungen der Wohnungsbau der sozialen und kulturellen Infrastruktur immer einen Schritt voraus war; am Ende wohnte man in der Regel gern in einer modernen Wohnung.
Legendär ist auch die Kunst am Bau, die in vielfältiger Weise und in einer bestimmten Ikonographie von einer besseren Welt erzählt, die in den Lebensverhältnissen der meisten Menschen bereits angefangen hatte. Ein Besuch in Eisenhüttenstadt lohnt sich, um diesen Entwurf historisch einzuordnen. Bekannt sind der Fries von Walter Womacka am Haus des Lehrers am Alexanderplatz, aber auch das Kino International und das Gebäude des Berliner Verlages mit seinen farbigen Mosaikbanderolen, weithin sichtbar und frisch saniert.
„Westpaket“ als Mogelpackung
Mit dem Einigungsvertrag wurde die DDR durch die Bundesrepublik Deutschland abgewickelt. Obwohl zu dieser Zeit auch in kapitalistischen Ländern wie Schweden und den Niederlanden noch über die Hälfte der Städte in kommunalem Eigentum waren und in Wien immer noch sind, wurde hier konsequent marktradikal „Rückgabe vor Entschädigung“ verordnet. Und das, obwohl sogar noch das DDR-Übergangsparlament über Parteigrenzen hinweg für die Fortführung der Bodenverhältnisse votierte.
Der letztendlich zur Beschlussfassung gereifte Einigungsvertrag wurde den Ostparteien und der Bürgerbewegung bei einem Besuch in Bonn präsentiert. Die Grünen interessierten sich nicht dafür, die Bürgerbewegung blieb allein zurück und hatte keine Chance. Die letzte Fassung war, wie aus Insiderkreisen bekannt wurde, bereits in Bayern vorformuliert, als die Mauer noch nicht ganz gefallen war. Der Osten war von den Vorzügen des Westens so geblendet, dass man alles mit wehenden Fahnen begrüßte, was gut roch und nach Kaffee schmeckte. Doch dieses ganz große „Westpaket“ sollte sich schnell als Mogelpackung herausstellen. Funktionsfähige Betriebe wurden abgewickelt, um potenzielle Konkurrenz abzuwickeln. Umschulungsmaßnahmen vereinzelten den Widerstand. Mit Steuerabschreibungen floss westdeutsches Kapital in die Sanierung der Städte.
Was bleibt, ist die Interpretation der Geschichte. Was noch bleibt, ist die Frage: In welcher Stadt willst du leben? Hast du genügend finanzielle Mittel, dann kannst du dich entscheiden zwischen Eigenheim im Grünen oder Eigentumswohnung in der City. Gehörst du zu den vielen, die um eine Wohnung bangen müssen, fragst du vielleicht eher: In welcher Stadt wollen WIR zukünftig leben? Diese Frage ist so virulent, dass sich die Kämpfe um das Recht auf Stadt längst organisiert haben. Dann aber wirst du nach einer gemeinsamen und nicht mehr nach einer individualisierten Lösung suchen, und der Weg ist frei für die Städte der Zukunft. Aber das Menschenrecht auf freie Meinungsäußerung besteht für alle – auch als Voraussetzung für eine Geschichtsschreibung, die als Grundlage für die Zukunft dienen soll. Boden sollte Gemeingut sein, nur so wird Wohnen für alle möglich. Man muss die DDR nicht verklären, aber man braucht sie auch nicht verdammen, außer man gehört zu den Gewinner/innen der Gegenwart. Die jedoch werden immer weniger, darum der Zukunft zugewandt und ganz praktisch nicht nur an sich selbst gedacht. Jedem eine Wohnung wäre immer noch ein großer Fortschritt.
MieterEcho 450 / Juni 2025


