Tafeln am Limit
Bedarf an Lebensmittelspenden steigt. Ursache ist auch die Mietpreisexplosion
Von Oliver Rast
Ihre „Beute“ fahren sie zumeist in den Morgenstunden ein. Dutzende Orte klappern die Fahrer mit ihren Transportern ab, kreuz und quer durch den dichten, blechernen Berufsverkehr Berlins. Immer auf der Suche nach Spenden: Backwaren, Obst, Gemüse, Wurst und Käse, auch Säfte und Fleisch. Vieles davon ist nicht mehr ganz taufrisch, einiges nah am Verfallsdatum, aber uneingeschränkt für den menschlichen Verzehr geeignet.
Es sind Nahrungsmittel, die dringend gebraucht werden. Für Personen mit schmalem Geldbeutel – und nicht zuletzt für Mieter/innen. Denn Wohnungsmangel und Mietenexplosion in Deutschland treiben immer mehr Bewohner/innen in die Schlangen der bundesweit 975 Tafeln. Eigenen Angaben zufolge unterstützt diese Freiwilligenorganisation mit ihren rund 75.000 Helfern aktuell mehr als 1,6 Millionen Menschen in Deutschland.
Die Ursachen sind vielfältig. Einkommen bedeuten für Erwerbstätige aufgrund der Billiglöhnerei in vielen Branchen kein krisenfestes Auskommen. In Altersruhe zu sein, heißt nicht, von der Rente seinen Lebensabend sorgenfrei gestalten zu können. Besonders für Alleinerziehende mit Kindern fehlt es an einer existenzsichernden Unterstützung. Und dann ist da noch der Faktor Miete, die sogenannte Wohnarmut.
Auch deshalb habe der Dachverband Tafel Deutschland den Ende Januar veröffentlichten Bündnisaufruf „Für soziale Sicherheit und gerechte Verteilung“ unterzeichnet, so ein Tafel-Sprecher auf Nachfrage vom MieterEcho. Einen Appell von Gewerkschaften, Sozial- und Wohlfahrtsverbänden, Deutschem Mieterbund, Pro Asyl und Erwerbsloseninitiativen gegen soziale Kürzungen und Stimmungsmache, die auf schutz- und hilfebedürftige Menschen zielt. Ferner fordern die Aufrufenden ein Recht auf Wohnen als „essenzielles Element eines menschenwürdigen Lebens.“ Dabei sei ein hinreichendes Angebot an günstigem Wohnraum durch einen stärkeren öffentlichen Wohnungsbau sicherzustellen, um den Mietwohnungsmarkt zu entspannen. Dafür brauche es gesetzliche Regeln, „um den Anstieg der Mieten wirksam zu begrenzen.“
Aufnahmestopp und Wartelisten
Gerangel gibt es nicht nur um Wohnraum. Die Tafeln hierzulande seien längst an Kapazitätsgrenzen, hatte der Vorsitzende des Tafel-Dachverbandes, Andreas Steppuhn, Ende Dezember 2024 der Deutschen Presse-Agentur berichtet. Fast 40% der Einrichtungen hätten temporäre Aufnahmestopps, führten Wartelisten, reduzierten Ausgabetage und Angebot. „Diese Zahl zeigt, wie ernst die Lage ist.“ Und der Bedarf wachse.
So ist die Situation auch in Berlin. In der Bundeshauptstadt existieren derzeit 49 reguläre LAIB und SEELE-Ausgabestellen und sieben Interims-Ausgabestellen. „Letztere haben wir aufgrund des hohen Bedarfs seit dem Krieg in der Ukraine und der Inflation ins Leben gerufen“, erklärt Antje Trölsch gegenüber dem MieterEcho. Von den regulären Stellen hätten zurzeit sieben eine Warteliste, weil sie kaum noch Neuanmeldungen aufnehmen könnten, so die Geschäftsführerin und Pressesprecherin der Berliner Tafel. Eine Ausgabestelle habe einen Aufnahmestopp ohne Warteliste, neun weitere müssten an eine Interims-Ausgabestelle verweisen. Etwa ein Drittel der Ausgabestellen arbeiteten also an der Grenze ihrer Kapazitäten.
Und welchen Einfluss hat der Mietenwahnsinn? Für Empfänger/innen von Bürgergeld werden die Mietkosten vom Jobcenter übernommen. Aber für Rentner/innen (rund ein Drittel der Tafel-Gäste in Berlin) und Student/innen sei die Miete ein besonders großes Problem, sagt Trölsch. „Aus Gesprächen mit den Betroffenen wissen wir, dass sie unsere Unterstützung aufgrund hoher Mietkosten benötigen.“
Klar ist, Tafeln sind kein Ersatz für eine staatliche Daseinsvorsorge, und sie wollen auch keine Almosenverwaltung sein. Sie können Bedürftige unterstützen mittels Lebensmittelspenden. Armut bekämpfen müsste aber der Staat, etwa durch Mietrechtsreformen. Nur, das kann dauern. Bis dahin werden die Fahrer/innen der Tafeln mit ihren Transporten weiter auf Streifzügen sein. Konditoreien, Einzelhandel und Gastronomie abklappern. Immer auf der Suche nach „Beute“.
MieterEcho 448 / März 2025


