Perspektiven vom Rand der Gesellschaft
Das neue Buch des Soziologen Christopher Wimmer.
Von Karin Baumert
Christopher Wimmer ist ein guter Beobachter. Als Soziologe nutzt er seine theoretische Bildung, um Klassenlagen zu ergründen. In seinen Interviews gibt er Betroffenen eine Bühne und ermöglicht uns so einen Einblick und die nötige Einordnung dazu. Bei seinem neuen Buch „Leben ganz unten“ glaubt man doch schon zu wissen, worum es geht. Doch es ist Wimmers Verdienst, dass man sich nicht in der Gutmensch-Sozialromantik einrichten kann, und den ersten Reflex sofort bereut.
Bevor wir konkrete Menschen kennenlernen, nimmt er uns mit in seine begriffliche Suche, hin zur Fokussierung auf den Begriff der Marginalisierten. Dann lernen wir Menschen kennen, die uns zum Teil auch begegnet sein könnten. Niemand wird obdachlos und erwerbslos geboren. Viele Geschichten hätten anders ausfallen können. Es kann wirklich jede und jeden treffen. Schnell wird klar, es ist kein individuelles Versagen, sondern hat System.
Gerade in der aktuellen Debatte zur Reform des Bürgergeldes, die ganz offensichtlich diesen systemischen Blick auf Gesellschaft verschleiert und nur Schuld und Scham kennt, wird Obdachlosigkeit weiter zunehmen. Marginalisierte, wie Wimmer sie nennt, bekommen eine Stimme, ein Gesicht, eine Geschichte. Sie sprechen für sich selbst. Obdachlose und Erwerbslose erhalten so für einen Augenblick ihre Würde zurück, und wir können ihnen auf Augenhöhe zuhören. Dabei entblättern die Interviews das ganze Ausmaß an psychosozialen Folgeprozessen der Armut. Die Nichtteilhabe an der Gesellschaft, respektive der Ausschluss aus eben dieser, ist vielleicht das größte Drama hinter der Armut.
Hunger, Not und Kälte erzeugen aber auch einen Überlebensmodus. Wimmer beschreibt den mit dem Begriff der Resilienz und skizziert verschiedene Überlebensstrategien. Der Versuch einer Typologisierung des Überlebenskampfes ist interessant. Gleichzeitig macht vielleicht gerade diese begriffliche Einordnung des Gehörten aus den Interviews und deren Einordnung auch die Universalität einer Gesellschaft aus, in der Ausschluss in die Armut nur die Kehrseite der profitorientierten Wirtschaft ist.
Es kann uns alle treffen
Dabei arbeitet Wimmer auch die Unterschiede der sozialen Lagen heraus, z. B. die sexualisierte Gewalt, mit der vor allem Frauen konfrontiert sind. Aber er bleibt nicht im Individuellen stehen, sondern macht die Machtverhältnisse sichtbar. Seine Schlussfolgerungen aus dem Gehörten verbindet Wimmer mit profundem Wissen aus der einschlägigen Literatur von Friedrich Engels zur Lage der arbeitenden Klasse über Pierre Bourdieu, bis zu Wilhelm Heitmeyer und Christoph Butterwegge. So entfaltet sich ein Bild von der Betroffenheit bis zur Analyse der gegenwärtigen Gesellschaft, in der es nicht mehr ausreichen wird, in Stadtteilkämpfen zu verharren.
In seinem Exkurs zum Arbeitsbegriff weist Wimmer bereits aus der Armut heraus. Gegen Ende des Buches stellt er die Frage, ob Marginalisierte aus dem Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit herausfallen. Das war für mich persönlich der zentrale Moment des Buches. Er konfrontiert uns mit den verschiedenen Facetten des Arbeitsbegriffs, von „Arbeitsstrich“ über Pfandflaschen sammeln bis zur Care-Arbeit. Den Marginalisierten bleibt aber die „Wertschätzung“ aus der Lohnarbeit nicht nur finanziell, sondern auch ideologisch verwehrt. Aber ihre zum größten Teil informelle Arbeit bestimmt dennoch ihren Tag, als Bestandteil eines Überlebenskampfes auf der Straße.
Das Buch kommt in einer Zeit, in der sozialrassistische Narrative zunehmend die Debatten prägen. Wimmer baut uns die Brücke – heraus aus den eigenen Ängsten, in eine menschlich verbundene Welt, denn die Welt der Marginalisierten tickt nach denselben Gesetzen wie unsere. Armut kann uns alle treffen. Wir sitzen alle im selben Boot. Keine Macht dem Merz und seiner politischen Klasse, möchte man am liebsten herausschreien. Das Buch ist jedenfalls absolut lesenswert, die Debatten zur Einordnung haben gerade begonnen. Christopher Wimmer leistet einen tollen Aufschlag dazu.
Christopher Wimmer
Leben ganz unten
Perspektiven vom Rand der Gesellschaft
Neue Kleine Bibliothek 355, 197 Seiten, 16,90 Euro
MieterEcho 454 / Dezember 2025


