Klimafit auf der grünen Wiese
Wien plant in Rothneusiedl einen neuen Stadtteil für 20.000 Einwohner/innen
Von Maik Novotny
Wien wächst. Dieser knappe Satz ist in den letzten Jahren eine Art Mantra für Vertreter/innen der Stadtverwaltung und -politik geworden, wenn es darum ging, die bauliche Siedlungserweiterung mit der Zunahme der Bevölkerung zu begründen. Es ist allerdings auch ein Satz, der den Tatsachen entspricht. Seit der Jahrtausendwende ist Wien um mehr als 400.000 Menschen gewachsen und hat Ende 2023 die Zweimillionengrenze überschritten. Laut Prognosen sollen bis 2053 noch etwa 310.000 Bewohner/innen hinzukommen.
Dass Wien für dieses Wachstum das primäre Ziel des leistbaren Wohnraums verfolgt, begründet sich aus den Idealen des „Roten Wien“ der 1920er Jahre, die für die seit 1945 ununterbrochen regierende Sozialdemokratie bis heute identitätsprägend sind. Rund zwei Drittel des Bestandes sind mietengedeckelte, geförderte oder gemeindeeigene Wohnungen und dieser Anteil wird auch in den neuen Siedlungsgebieten gehalten. Das größte von ihnen, die für 20.000 Einwohner/innen angelegte Seestadt Aspern im Nordosten Wiens, ist derzeit zur Hälfte fertiggestellt.
Eine Erweiterung im selben Ausmaß ist derzeit am entgegengesetzten Ende der Stadt in Rothneusiedl in Planung. Rund 21.000 Menschen sollen auf dem heute landwirtschaftlich genutzten 124 Hektar großen Areal wohnen, 8.000 Arbeitsplätze kommen hinzu. Ebenso wie in der Seestadt soll auch hier eine U-Bahn-Verlängerung den ersten Schritt setzen.
Seit rund 30 Jahren gilt Rothneusiedl als Baulandreserve, doch die Planungen änderten sich immer wieder. Mal sollte eine Autobahnspange gebaut werden, dann ein Mega-Einkaufszentrum und ein Fußballstadion. Als sich das Stadtwachstum beschleunigte, wurde das Gebiet als Reservoir für Wohnraum anvisiert. Der stadteigene Wohnfonds Wien, der für Erwerb und Entwicklung von Wohnbauland zuständig ist, sorgte frühzeitig dafür, dass sich ein Großteil der Flächen in stadteigener Hand befindet. Angesichts der Grundstückpreise eine notwendige Voraussetzung für leistbare Mieten.
Konflikte wegen Bodennutzung
Doch während die Seestadt Aspern weitgehend ohne Widerstand entwickelt wird, regte sich in Rothneusiedl früh Protest. Denn die öffentliche Diskussion um Zersiedelung und Bodenversiegelung hat landesweit an Dringlichkeit gewonnen. Die lehmigen Böden im Süden Wiens sind, wie die lokale Initiative „Rettet Oberlaa“ betont, für die Nahrungsvorsorge bestens geeignet, weitere Kritiker/innen verweisen auf die Leerstandsquote von 7 bis 10% im Bestand, die es zu nützen gilt, bevor man auf die grüne Wiese ausweicht.
Die Stadtverwaltung hat sich diese Diskursverschiebung offenbar zu Herzen genommen und die Klimagerechtigkeit mit viel PR-Aufwand zur Kernbotschaft des neuen Stadtviertels gemacht. Ein „Leuchtturm für den Klimaschutz“ und eine „KlimaVorzeigeStadt“ soll es sein, und wenn schon nicht klimaneutral, so zumindest „klimafit“, wie das gerne verwendete Buzzword lautet. Das 2021 beschlossene Strukturkonzept sieht Maßnahmen für Stadtklima, Bodenschutz, Nahrungsversorgung und Wassermanagement vor. Das „Zukunftsteam RothNEUsiedl“, bestehend aus gelosten Bürger/innen und Vertreter/innen aus der Zivilgesellschaft, galt als Nachweis für die Partizipation. Drei Mitglieder des Zukunftsteams nahmen an den Jurysitzungen teil.
Im April 2024 wurde schließlich das Ergebnis des zweistufigen internationalen städtebaulichen Wettbewerbs bekanntgegeben. Unter den vier Entwürfen der zweiten Runde setzte sich O&O Baukunst (Berlin) mit einem interdisziplinären Team aus den Fachbereichen Architektur, Stadtplanung, Landschaftsplanung, Verkehr, Energiekonzept, Regenwassermanagement und zirkulärem Bauen durch.
Grundidee des Entwurfs ist eine kompakte Stadt mit bis zu elfgeschossigen Wohnbauten, die von einem grünen Ring aus Parks und Stadtwildnis umgeben ist. Autos werden in sogenannten „Mobility Hubs“ am Rand geparkt, ansonsten gilt das Prinzip der 5-Minuten-Stadt mit kurzen Wegen für Fußgänger/innen. Derzeit wird ein städtebauliches Leitbild erstellt, der Baubeginn erfolgt frühestens 2030.
Was bezahlbaren Wohnraum betrifft, dürfte Rothneusiedl somit eine konsequente Fortsetzung des „Wiener Modells“ sein, und was die Klimagerechtigkeit betrifft, zumindest ein vielversprechender Ansatz in der Stadtentwicklung. Die fruchtbaren Böden werden allerdings unwiederbringlich verloren sein.
Maik Novotny ist Architekturjournalist in Wien. Er schreibt für die Tageszeitung Standard, die Wochenzeitung Falter und für Fachmedien. Seit 2022 ist er Vorstandsvorsitzender der Österreichischen Gesellschaft für Architektur (ÖGFA).
MieterEcho 448 / März 2025


