Interessengemeinschaft und Beratung für Berliner Mieter
MieterEcho 450 / Juni 2025

Großunterkunft für Geflüchtete

Bezirke beklagen fehlende soziale Infrastruktur und fordern verbindliche Zusagen für das geplante Areal an der Hasenheide.

Von Oliver Rast

Dumpfe Geräusche dringen nach draußen. Hämmern, sägen, bohren. Das Areal ist lückenlos eingezäunt. Kameras scheinen jeden Schritt und Tritt auf dem Gelände einzufangen, Schilder verweisen auf einen Wachschutz. Bereits seit Ende 2022 steht der zehnstöckige Gebäudekomplex mit insgesamt 32.000 qm Bürofläche leer. Zuvor wuselten Hunderte Beschäftigte der Deutschen Rentenversicherung (DRV) durch diesen imposanten Koloss mit seinen spiegelnden Fensterfronten an der Hasenheide 23-27, zwischen Hermannplatz und Südstern in Kreuzberg, an der Nahtstelle zu Neukölln.

Seit November 2024 ist klar, wie die künftige Nutzung aussehen soll. Da beschloss der Hauptausschuss des Abgeordnetenhauses, das Gebäude anzumieten. Künftig sollen dort Geflüchtete untergebracht werden, deshalb der Umbau seit Jahresbeginn. Das Gebäude werde von der Berliner Immobilienmanagement GmbH (BIM) im Auftrag des Landesamtes für Flüchtlingsangelegenheiten (LAF) angemietet, „damit dort geflüchtete Menschen wohnen können“, bestätigt der Pressesprecher der Senatsverwaltung für Arbeit, Soziales, Gleichstellung, Integration, Vielfalt und Antidiskriminierung, Stefan Strauß, gegenüber dem MieterEcho. Und: „Es ist Platz für maximal 1.063 Menschen.“

Zum Teil soll der Standort Hasenheide von der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie als Erstaufnahme- und Verteilzentrum von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen ab 14 Jahren genutzt werden. Dafür sind rund 240 Plätze vorgesehen. Der Aufenthalt beschränke sich auf einen sehr kurzen Zeitraum, sagt Strauß. Also bis entschieden wurde, „ob ein junger Mensch in ein anderes Bundesland verteilt wird oder in einer spezialisierten Clearingeinrichtung des Landes Berlin verbleibt.“ Der größere Teil des Gebäudes werde als Aufnahmeeinrichtung des LAF fertiggestellt. 

Bezirke sind eher skeptisch

Bis dahin wird noch viel zu tun sein. Vor allem müssen die Grundrisse geändert werden. Um Zimmer, Gemeinschafts- und Nebenräume, Sanitäranlagen und Teeküchen zu schaffen. Kurz: aus Büros muss Wohnraum werden. Das kostet. Allein die monatliche Miete wird nach Senatsangaben bei 1,22 Millionen Euro liegen – inklusive Vorauszahlungen für Betriebs-, Heiz- und Nebenkosten. Im Mietpreis sind allerdings die vermieterseitigen Kosten für Herrichtung und Umbau enthalten. 

Vermieter der Immobilie ist die Kaphag. Der Unternehmensgruppe gehören auch Filetgrundstücke wie das Kant Dreieck oder die Checkpoint Arcaden. Und eben das „BIC“, wie der Ex-Sitz der DRV auf der Firmenpage heißt, wo das Gebäude als „erfolgreiches Investment“ gepriesen wird. Eröffnen soll die Flüchtlingsunterkunft im 2. Quartal 2026. Im Idealfall, denn Probleme bei der Ausführungsplanung, im Baugenehmigungsverfahren oder bei den Baumaßnahmen könnten den Termin verzögern, räumt der Sprecher der Senatsverwaltung ein.

Die betroffenen Bezirke reagieren verhalten. Die Leiterin der Pressestelle vom Bezirksamt (BA) Friedrichshain-Kreuzberg, Sara Lühmann, sagte auf MieterEcho-Anfrage, dass sich das BA und die sozialen Träger vor Ort einig seien: „Die Bedarfe im Sozialraum müssen in der Planung durch das Land verbindlich berücksichtigt und finanziert werden.“ Bezirk und Träger im Kiez müssten mit ausreichenden, zusätzlichen Mitteln ausgestattet werden, um Angebote in der Unterkunft zu schaffen und die soziale Infrastruktur auszubauen. Doch was das konkret bedeutet, ist bislang unklar.

Skeptischer äußerte sich Sandra Beier, Pressereferentin vom BA Neukölln, gegenüber dem MieterEcho. Die soziale Infrastruktur in dem Gebiet sei bereits am Limit, „die Situation wird durch eine Großunterkunft keinesfalls verbessert.“ Ferner sei die Nähe zum Hermannplatz für ankommende junge Menschen, die Perspektiven aufgezeigt bekommen sollten, problematisch. Denn rund um den Platz agierten „Akteure der organisierten Kriminalität, die bewusst junge Menschen rekrutieren.“ Ein Abrutschen in die Illegalität drohe. Das klingt ein wenig nach Stimmungsmache, sozusagen dumpfe Geräusche aus der Bezirksverwaltung und nicht nur aus dem im Umbau befindlichen Koloss an der Hasenheide.


MieterEcho 450 / Juni 2025

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