Erfolg in letzter Minute
Das Kuchen-Kaiser-Haus am Oranienplatz konnte von einer Genossenschaft erworben werden.
Von Hermann Werle
Nach langer Zeit des Bangens kann die Hausgemeinschaft im Kuchen-Kaiser-Haus am Oranienplatz in Kreuzberg aufatmen, die Senatsverwaltung gab grünes Licht für den benötigten Kredit zum Erwerb des geschichtsträchtigen Hauses.
Wer früher eine feine Torte naschen oder bestellen wollte, war am Oranienplatz an der richtigen Adresse. Über 100 Jahre sorgte Kuchen-Kaiser für exzellente Torten und lieferte diese per Zeppelin sogar bis nach New York. Der einstige Hoflieferant war immer auf der Höhe der Zeit, nutzte früh Automobile zur Auslieferung und investierte auch in gerade auf den Markt kommende Eismaschinen. Kuchen-Kaiser spielte in der gleichen Liga wie die berühmte Sacher-Torte aus Wien. In der Zeit des Faschismus fanden zwei jüdische Männer – ein Stammgast und ein alter Schulfreund – Unterschlupf in den Backräumen, „bis es dem Chef gelang, die Bedrohten ins Ausland zu schaffen“, wie es auf der Homepage des Bürgervereins Luisenstadt heißt.
Mit den Torten ist es schon über zehn Jahre vorbei, und seit zwei Jahren sahen sich auch die Mieter/innen in Gefahr. Über drei Generationen gehörte das Haus der Familie Fluss, bis der letzte aus der Familie im Mai 2023 verstarb. Hans Ulrich Fluss war ein Liebhaber der Fliegerei und Chronist des Oranienplatzes. Die Immobilie sicherte ihm regelmäßige Einkünfte, ohne dass er die Mieterhöhungsmöglichkeiten voll ausgeschöpft hätte, was die Hausgemeinschaft ihrem „Miethai Uli“ sehr dankte. Nun aber schrillten die Alarmglocken. Was sollte aus dem Haus werden, wenn es auf dem freien Wohnungsmarkt verkauft würde?
Man konnte es sich ausmalen. Die Mietergemeinschaft mit 25 Haushalten wurde zusammengetrommelt. Nach intensiver Diskussion kam man zu dem Entschluss, Kontakt zu der fünfköpfigen Erbengemeinschaft aufzunehmen, um den Kauf der Immobilie durch eine Genossenschaft zu verhandeln. Eine solche war nach Recherchen und Gesprächen bald gefunden. Die folgenden Verhandlungen mit der Erbengemeinschaft erbrachten einen fairen Preis. Nichtsdestotrotz galt es eine Menge Kohle für eine nicht unerhebliche Genossenschaftseinlage aufzubringen. Die Mietparteien stimmten dennoch zu. Schließlich wäre somit eine stabile Miete und der Schutz vor Eigenbedarfskündigungen gewährleistet, ein Luxus auf dem angespannten Wohnungsmarkt, den man finanziell irgendwie stemmen würde. Genossenschaft, Mieter/innen und die Erbengemeinschaft wurden sich einig, ein seltenes Glück. Die SelbstBau e.G. stellte den Förderantrag bei der IBB am 30. Juni 2024, also noch vor der Haushaltssperre, es schien alles in trockenen Tüchern.
Ein zäher Weg zum Happy End
Doch nun wurde es sehr zäh. Der Senat ließ vermelden, dass es Probleme bei der Sanierung von Häusern in der Kastanienallee gebe. Bei dem als „Tuntenhaus“ bekannten queeren Hausprojekt hatte die SelbstBau eine Förderung nach dem Programm „Soziale Wohnraummodernisierung 2023“ (SWM 2023) in Anspruch nehmen wollen. Allerdings musste die Genossenschaft feststellen, dass durch den immensen Sanierungsaufwand eine Miete von 6 Euro/qm betriebswirtschaftlich nicht zu realisieren war. Diese Miethöhe darf laut Förderrichtlinie jedoch nicht überschritten werden. Ein Faktum, welches das Förderprogramm SWM 2023 zu einem lahmen Pferd werden lässt, welches wegen der unrealistisch gedeckelten Miete kaum genutzt werden kann. Es dauerte, aber durch Nachverhandlungen konnte eine Einigung erreicht werden. Ansonsten, so hieß es, wäre die IBB damit beschäftigt, Anträge des Sozialen Wohnungsbaus zu bearbeiten. Den Mieter/innen am Oranienplatz lief derweil die Zeit davon. Der Erbengemeinschaft, die ganz im Sinne des vorherigen Eigentümers, dem „Miethai Uli“, die soziale Nutzung einem möglichst hohen Gewinn vorzog, drohte in Kürze die Zahlung von Erbschaftssteuern, was den Deal hätte platzen lassen können. Im April endlich die erlösende Nachricht: Der Kredit ist bewilligt. „Nach zwei Jahren hoffen, bangen, stolpern“, so die erleichterte Hausgemeinschaft, „ist unser Haus gerettet, dem freien Markt abgetrotzt im sicheren Hafen der Genossenschaft gelandet.“
MieterEcho 450 / Juni 2025


