Die Schufa-Auskunft als Damoklesschwert
Schuldnerberater beklagen Intransparenz bei Score-Werten
Von Nicolas Šustr
„Vor 20 Jahren war es noch so, dass selbst Menschen mit Mietschulden bei der gleichen Wohnungsbaugenossenschaft einen neuen Mietvertrag bekommen haben, weil die Vermieter keinen Leerstand wollten“ , sagt Marco Rauter zum MieterEcho. Manche Wohnungsbaugesellschaften hätten auch gerne Mietverträge mit Menschen in der Privatinsolvenz geschlossen, „weil dann sind die Sachen geregelt“ , gibt er die Begründung wieder.
Seit 20 Jahren arbeitet er als Schuldnerberater in Berlin. Zunächst in Lichtenberg, nun für die Arbeiterwohlfahrt in Neukölln. Er ist zudem Vorsitzender der Landesarbeitsgemeinschaft Schuldner- und Insolvenzberatung Berlin e.V., dem Zusammenschluss der staatlich anerkannten und gemeinnützig arbeitenden Beratungsstellen.
Doch die Zeiten haben sich geändert. „Aktuell kommen die Leute, weil sie bei der Wohnungsbesichtigung Glück gehabt hatten, aber nach Vorlage der aktuellen Schufa-Auskunft eine Absage bekommen haben“, sagt Rauter. „Kleinere Wohnungen, die bezahlbar sind – das ist ja inzwischen wie Goldstaub in Berlin.“ Die wollen schnell eine „saubere Schufa“ haben, wie sie es formulieren. „Und dann müssen wir leider die Leute enttäuschen und sagen, so schnell geht's jetzt auch nicht, bis man sich wieder verbessert vom Score-Wert“, so Rauter weiter.
Die privatwirtschaftliche Schufa ist die größte Wirtschaftsauskunftei in Deutschland, die Daten zur Kreditwürdigkeit von Menschen sammelt. Aus den Daten wird ein Score, das englische Wort für Punktzahl, errechnet. Der Basisscore wird in einer Skala bis 100% angegeben, daneben gibt es noch branchenspezifische Scores mit Punktwerten bis 10.000. In die Scores fließen nicht nur Angaben zur Zahlungshistorie ein. Negativ wirkt sich auch aus, wenn Menschen häufig den Job oder die Adresse wechseln, oder bisher keine oder wenig Daten über sie vorliegen. Das kann am jugendlichen Alter liegen oder weil Menschen erst kurz in Deutschland leben. „Negativ kann sich auch auswirken, wenn man Kreditanfragen an mehrere Banken stellt, um die Konditionen vergleichen zu können“, sagt Rauter.
Nur minimale Verbesserungen
„Einige der Angaben zur Score-Berechnung sind nur Vermutungen. Denn vor einigen Jahren ist leider gerichtlich entschieden worden, dass die Schufa aus wettbewerblichen Gründen nicht in jedem Detail darlegen muss, wie die Score-Werte berechnet werden“, bedauert er. „Gerade wenn die Schufa oder andere Schuldnerdateien eine derartig dominante Rolle bekommen, dann dürfen Sachen, die ich gar nicht beeinflussen kann, nicht mit reinspielen“, sagt Rauter und unterstreicht: „Wenn das jetzt mein Leben mitbestimmt, dann darf das nicht sein.“ Er fordert mehr Transparenz bei der Berechnung der Scores. Denn: „Wegbekommen werden wir die Auskunfteien nicht – die Schufa ist vor fast 100 Jahren in Berlin gegründet worden.“ Händler wollen sich nun mal darüber austauschen, wie solvent die Kundschaft ist.
„Immerhin ist etwas Bewegung in der Sache“, sagt Sauter. Seit Frühjahr 2023 werden die negativen Schufa-Einträge ein halbes Jahr nach erfolgreichem Abschluss einer Privatinsolvenz gelöscht. „Mit der bis dahin geltenden Frist von drei Jahren war das Ende des Verfahrens ja kein wirtschaftlicher Neustart“, unterstreicht der Schuldnerberater.
Seit Januar werden Einträge über unbezahlte Forderungen von der Schufa nach 18 statt bisher 36 Monaten gelöscht, wenn die „Zahlungsstörung“, wie die Auskunftei es nennt, 100 Tage nach der Übermittlung an die Schufa ausgeglichen worden ist. In der Gesamtheit ein sehr kleiner Schritt, der die Löschung von nur einem Prozent der sechs Millionen gespeicherten Personen mit Negativmerkmalen zur Folge hatte, wie Volker Haug von der Bundesarbeitsgemeinschaft Schuldnerberatung kürzlich im Interview mit der Jungen Welt erläuterte.
Etwas möchte Marco Rauter zum Thema Mietverträge aus seiner beruflichen Praxis noch loswerden: „Viele Vermieter nehmen die Schufa als Ausrede, warum sie jemandem keinen Vertrag geben. Dann suchen die Leute nämlich den Fehler bei sich selbst, bei ihrer Schufa. Ansonsten würde ich mir ja den Stress in mein Büro holen, indem ich sage: Nee, ihnen gebe ich die Wohnung nicht. Sie gefallen mir nicht.“
MieterEcho 448 / März 2025


