Die Bahn muss vom Abstellgleis
Bündnis legt umfassendes Konzept für die Neuorganisation des Schienenverkehrs vor.
Von Carl Waßmuth
Es ist leicht, auf den deutschen Bahnverkehr zu schimpfen. Im Oktober war nur noch jeder zweite Zug im Fernverkehr weniger als sechs Minuten verspätet. Dazu kamen letztes Jahr 13.600 komplett ausgefallene Fahrten, die Folgezüge sind meist überfüllt. Im Winter deprimiert der Zustand vieler Bahnhöfe besonders: schlechter Wetterschutz, abgesperrte Toiletten, verwahrloste Unterführungen, kein Schalter mehr. Wenn davon die Rede ist, dass Menschen das Vertrauen in die Politik verlieren, ist die Bahn das Paradebeispiel.
Aber was hilft es, sich zu beklagen? Man müsste schon wissen, wie es besser geht. Die gute Nachricht: Es gibt ein Konzept, das beschreibt, was konkret getan werden kann, um die aktuelle Misere zu überwinden. Das Bündnis Bahn für Alle hat diesen Vorschlag im September vorgestellt, zwei Tage bevor Verkehrsminister Patrick Schnieder (CDU) seine „Agenda für zufriedene Kunden auf der Schiene“ präsentierte. Aufgeteilt auf vier Bereiche werden von Bahn für Alle 70 Vorschläge gemacht, welche Veränderungen im Einzelnen möglich und nötig sind.
Politik: Die Bahn ist Teil der Daseinsvorsorge. Die Politik muss daher die Bahn steuern, nicht umgekehrt. Was wie eine Binsenweisheit klingt, ist in Österreich und der Schweiz ein Schlüssel zum Erfolg. Bezogen auf Deutschland sollte der Bundestag endlich ein Fernverkehrsgesetz beschließen und eine gesetzliche Mobilitätsgarantie einrichten. Subventionen für Auto-, Lkw- und Flugzeugverkehr sollten hin zur Bahn verlagert werden. Mit diesen Mitteln kann eine verlässliche Finanzierung für den Deutschlandtakt eingerichtet werden – ohne Tunnelbauten und Großprojekte versteht sich.
Konzern: Soll die Bahn dem Gemeinwohl dienen? Na klar, aber warum ist der Konzern dann auf Gewinnmaximierung ausgerichtet? Das ist ein über 30 Jahre lang kultivierter Fehler. Die Bahn muss gemeinnützig werden. Vom einst geplanten Bahnbörsengang ist der Global-Player-Anspruch übrig – weg damit. Das DB-Auslandsgeschäft kann an die jeweiligen Staaten abgegeben werden, die Tochterfirmen im Inland – es sind mehrere hundert – sollten zusammengeführt, das Management verschlankt und die Gehälter von Führungskräften auf das Niveau von Staatsbediensteten beschränkt werden. Wesentlich erweitert werden sollen Ausbildung und Beschäftigung im produktiven Bereich.
Infrastruktur: Es muss repariert werden, was unter Gewinnfixierung kaputtging. Die am stärksten belasteten Strecken müssen zuerst saniert werden, mit jeweils einem freigehaltenen Gleis. Gleichzeitig soll der Ausbau starten: Mit Weichen für Überholgleise, Erweiterung überlasteter Knoten, schneller Elektrifizierung und einem zweiten Gleis, wo bisher nur eins ist. Bahnhöfe sollen durchweg attraktiv werden, statt nur in wenigen ausgewählten Städten.
Verkehr: Nachtzüge, Interregios und InterCity-Züge müssen die Angebote verdichten. Öffentlich-gemeinnütziger Betrieb auf Landesebene soll die Ausschreibungen ersetzen, die vielerorts Privatisierungen, Insolvenzen und schwache Qualität hervorgebracht haben. Zugtoiletten sollten während der Fahrt alle 90 Minuten gereinigt, Klimaanlagen regelmäßig gewartet und Bordrestaurants zuverlässig betrieben werden. Lkw-Transporte können durch höhere Maut und Regulierung bis 2035 im Umfang halbiert werden. Dafür sollte der Schienengüterverkehr künftig in Nah- und Fernverkehre eingetaktet werden. Fahrkarten sollten preisgünstig werden: 100 Kilometer Bahnfahrt kosten zehn Euro, Kinder und Jugendliche fahren umsonst. Ein Klimaticket (derzeit Deutschlandticket) wird auf 50 Euro pro Monat festgelegt und um einen Sozialpreis von 25 Euro ergänzt, alles ohne Digitalzwang erhältlich. Das Bahn-für-alle-Preissystem ist zudem so einfach, dass es im Wortsinn auf einen Bierdeckel passt.
Eine zuverlässige und barrierefreie Bahn, kostengünstig und doch erstklassig für alle Reisenden – wäre das nicht schön? In Österreich und der Schweiz geht es offensichtlich. Das Bündnis Bahn für Alle ruft den Verkehrsminister auf, eine öffentliche Anhörung zu einer großen Bahnreform auszurichten.
Carl Waßmuth ist Bauingenieur und Vorstandsmitglied des Vereins Gemeingut in BürgerInnenhand (GiB). Der Verein tritt für die Bewahrung und umfassende Demokratisierung aller öffentlichen Institutionen ein, insbesondere der Daseinsvorsorge.
MieterEcho 454 / Dezember 2025


