Der Wohnungsbau-Turbo 1925
Verglichen mit den Konzepten der 1920er Jahre ist der von der CDU/CSU/SPD-Koalition versprochene Turbo nicht mehr als heiße Luft.
Von Hermann Werle
Der heutige Wohnungsneubau geht in der Regel einher mit hohen Mieten, so dass die einfache Formel „Neubau löst nicht die Probleme“ durchaus zutreffend ist. Vor hundert Jahren stand die männlich dominierte Zunft der Architekten und Stadtplaner vor dem gleichen Problem, entwickelten allerdings vielversprechende Konzepte zur Linderung der Wohnungsnot.
Im Oktober 1925 wurde der Grundstein für die Hufeisensiedlung gelegt, mit der sich seit einigen Jahren die Vonovia-Tochter Deutsche Wohnen schmücken darf. Die Privatisierungswelle steht bis heute für den Ausverkauf von Landeseigentum und das Aufkommen börsennotierter Immobilienkonzerne. All das entspricht ziemlich genau dem Gegenteil von dem, was Martin Wagner als einer der Vordenker der Siedlungen 1920 formuliert hatte: „Sozialismus ist Neuland, das der kapitalistischen Flut Scholle um Scholle abgerungen werden muß. Der Ausbau der Gemeinwirtschaft wird die harte Arbeit von Generationen erfordern. Die ersten sozialen Baubetriebe werden bis zum Halse in der kapitalistischen Flut stehen.“
Wohnungsmangel
Zu dieser Zeit war der Architekt und Stadtplaner Baustadtrat der Gemeinde Schöneberg und dann von 1926 bis 1933 Stadtbaurat für ganz Berlin. Wagner hatte im Sommer 1924 die USA bereist, wo er sah, „wie man auf modernste Weise Arbeiterwohnungen baut.“ Er fügte jedoch hinzu, dass diese Bauweise wenig verbreitet sei, „weil der Kapitalismus dem Wohnungsbau dort ebenso wenig Interesse entgegenbringt wie bei uns in Deutschland.“ Da die Sozialisierungsbestrebungen mit dem Scheitern der Novemberrevolution ad acta gelegt worden waren, sollten zumindest die Wohnverhältnisse des Proletariats verbessert werden. Nach dem Ersten Weltkrieg fehlten im Deutschen Reich rund eine Million Wohnungen, ähnlich wie heute. War der Mangel um 1925 noch dem Ersten Weltkrieg und den Inflationsjahren geschuldet, so sind es heute die Verwerfungen durch Jahrzehnte neoliberaler Wirtschafts- und Wohnungspolitik.
Serieller Wohnungsbau
An das profitorientierte Unternehmertum glaubten weder Wagner noch seine Architektenkollegen Bruno Taut, Ernst May und Walter Gropius. Diese vier bildeten die „Kopfgemeinschaft“ der Deutschen Wohnungsfürsorge-Aktiengesellschaft, kurz DEWOG. Der unter Wagner 1924 gegründeten DEWOG, die als Dachgesellschaft der genossenschaftlich-gewerkschaftlichen Wohnungspolitik fungierte, oblag es, sowohl Finanzierungsmittel – u.a. über die Hauszinssteuer und die Arbeiterbank – als auch Baumaterialien für die regionalen Tochtergesellschaften wie die GEHAG zentral zu organisieren. Der Kopfgemeinschaft oblag es, Versuchswohnhäuser zu entwickeln, die mit amerikanisch-tayloristischer Produktionsweise kostensparenden Wohnungsbau ermöglichen sollten. „Bauplatzarbeit soll in Werkstattarbeit umgewandelt werden. Der denkbar größte Teil der Montagearbeit soll bereits auf dem Werkplatz vorgenommen werden“, so die „Konstruktiven Leitgedanken“ der Arbeitsprogrammskizze vom Februar 1925. Mit normierten vorgefertigten Platten sollte „die Bauzeit eines Hauses vom Beginn der Ausschachtungen bis zum Bezug vierzehn Tage nicht überschreiten und in jede Jahreszeit, auch Frost- und Regenzeit gelegt werden können.“
Beim Bau der Berliner Großsiedlungen fand diese frühe Form seriellen Wohnungsbaus kaum Anwendung. Abgesehen vom Widerstand der kapitalistischen Bauwirtschaft machte auch Wagner selbst darauf aufmerksam, dass mit „verstärkter Anwendung der Maschine“ aus dem qualifizierten Bauarbeiter ein ungelernter Arbeiter wird. Hinzu kam der hohe Investitionsbedarf für die Produktionsanlagen. Während also in Berlin überwiegend mit klassischem Ziegel gebaut wurde, allerdings mit normierten Grundrissen Kosten gesenkt werden konnten, ging Ernst May in Frankfurt/Main einen Schritt weiter.
Das neue Frankfurt
Von Breslau, wo Ernst May bereits die Typisierung im Wohnungsbau sowie ein Trabantensystem zur Stadterweiterung ersann, wurde der 1886 geborene Architekt als Baustadtrat nach Frankfurt/Main berufen. Zwischen 1925 und 1930 entstanden unter dem charismatischen May rund 20 Siedlungen mit sozialen Einrichtungen wie Schulen und Grünanlagen sowie mehr als 12.000 moderne Wohnungen, 2.000 mehr als ursprünglich geplant. Der Einsatz von vorgefertigten Platten, normierten Türen und Fenstern sowie die berühmt gewordene Frankfurter Küche, erdacht von der Wiener Architektin Margarete Schütte-Lihotzky, sind Markenzeichen der Moderne. Begleitet wurde das Stadtbauprogramm von der ebenso modern gestalteten Monatszeitschrift „Das Neue Frankfurt“.
Insgesamt ein grandioses Gesamtkonzept, wobei sich die Mieten an den Baukosten und nicht, wie im austromarxistisch regierten Wien, an sozialen Leistbarkeitskriterien orientierten. Mit der Weltwirtschaftskrise und der folgenden Sparpolitik unter Brüning fanden die fortschrittlichen Wohnungsbauprogramme ab 1930 ihr abruptes Ende und zehntausende Bauarbeiter reihten sich zunächst in die Armee der Arbeitslosen und wenige Jahre später in jene der Wehrmacht ein.
Zitate aus und zum Weiterlesen empfohlen:
Norbert Huse (Hg.): Siedlungen der zwanziger Jahre – heute | Publica Verlagsgesellschaft, Berlin 1984.
MieterEcho 450 / Juni 2025


