Interessengemeinschaft und Beratung für Berliner Mieter
MieterEcho 448 / März 2025

Auch ich kann die Natur beherrschen

Eine Ode an mein Balkonkraftwerk

Von Karin Baumert

Zeitungslesend saß ich neulich auf meinem Balkon, und es fröstelte mich. Mein solares Balkonkraftwerk, welches am Balkongitter angehängt war, nahm mir die ersten Sonnenstrahlen. Die wärmten mich eigentlich viel zu früh. Sangen wir doch früher „Im Märzen die Bauer“ und nicht im Januar. Als Spross einer osteuropäischen Bauernfamilie beunruhigt mich die zunehmende Klimakrise schon seit Jahren. Nun hatte ich einen echten Widerspruch auszutragen, hier auf dem Balkon, zeitungslesend im Schatten des Balkonkraftwerkes.

Ich musste sparen für diesen sehr persönlichen Einsatz. Und es blieb ein Restzweifel, ob die Investition in ein Balkonkraftwerk mein persönliches Unbehagen mit der sich zuspitzenden Klimakrise mindern würde. Gut, ich war weder von Stürmen, Hochwasser oder Feuerwalzen persönlich betroffen. In einem Hochhaus in Berlin war damit nicht zu rechnen. Aber eine meiner besonderen Eigenschaften ist Empathie und Solidarität, glaube ich jedenfalls. Und so sparte ich auf ein Balkonkraftwerk und teilte seitdem die Sonne für die Bewältigung der Klimakrise mit meinem ersten Sonnenhunger, nun schon im Januar.

Mein Sonnenhunger und mein Kampf gegen die Klimakrise gingen dabei einen Zweikampf ein. Aber frieren für bzw. gegen die Klimakrise  –  das ist doch nun wirklich nicht zu viel verlangt. Wie kleinlich kann ich nur sein. Also Jacke angezogen und Zeitung gelesen und damit durch Bildung Konflikte aufgelöst.

In der Tat, nicht nur ich, sondern die ganze Stadt war im Taumel gegen diese Klimakrise. Die Schwammstadt war in Planung. Die Regierung gab nicht nur Baugenehmigungen für weitere Versiegelung, sondern fing auch an, darüber nachzudenken, wo eine Fläche entsiegelt werden kann, damit das Regenwasser durchsickert. Prima! Dann sind auch viel mehr Trinkbrunnen geplant, damit bei Starkhitze auch wirklich jeder Obdachlose ausreichend Wasser hat. Beruhigend! Denn es werden sicher noch mehr ihre Wohnung verlieren, seitdem die Wohnung eine Kapitalinvestition geworden ist. 

Alles wird gut

Dann haben wir aber auch noch die langen Entwicklungslinien der „essbaren Stadt“ und des „Tiny Wood“ – musste ich auch erst lernen zu verstehen, dass – bei aller Kapitalismuskritik – der in der Lage ist, sich selbst zu reformieren. Die ganzen „Urban Gardening“ - Projekte, anfangs heiß umkämpft, nun offizielle Strategie gegen die Klimakrise. Fein! Gut, diese Kleinstwälder, die jetzt auch am Rande des Tempelhofer Feldes oder am Spittelmarkt und sonst wo angepflanzt werden. Da würde mich mal interessieren, ob die in der zunehmenden Versiegelung das Rennen machen, oder nur so ein kleiner Tropfen auf dem heißen Stein werden, der da umgehend in Dampf aufgeht. Vielleicht ist mir auch nur kalt, und da werde ich gern pessimistisch. Vielleicht kann mein Balkonkraftwerk einfach nur so sein. Denn ich trenne auch den Müll, lese Artikel über den Green New Deal und höre Ralf Fücks, dem Vordenker der Grünen, bei der Verteidigung unserer Werte an der Ostfront zu.

Die Schatten wurden größer, der Tag ging zu Neige und ich wechselte meine Position in das Zimmer am Balkon. Zufällig fiel mir das Buch von Ulrich Brand in die Hände, Post-Neoliberalismus? Mein Frösteln ließ nach, die Welt wuchs zusammen, und ich konnte erkennen, wie der Green New Deal nur eine staatstragende Versöhnungsformel ist und die Suche des Kapitals nach  produktiven Anlagemöglichkeiten fördert, eben ein grün lackierter Kapitalismus. Da bin ich doch glatt auf meine eigene Konsumentenhaltung reingefallen. Nein, nein, das Balkonkraftwerk bleibt natürlich. Senkt irgendwann auch meine Kosten, wenn ich dann noch hier wohnen werde.

Ansonsten gibt es dann überall Trinkbrunnen. Ich werde also nicht verdursten. In den Tiny Woods kann ich mich dann heimlich organisieren, im Schatten der schnell wachsenden Bäume. Essen finden wir genug und das Regenwasser fließt ab. Doch die Brandstifter der Klimakatastrophe zu finden und umzustimmen, das könnte noch eine kleine Nuss werden. Aber Solidarität ist unsere Waffe, Bildung unser Rüstzeug und Mitgefühl unsere Bewegungsform. Seitdem fehlt mir die Sonne hinter dem Balkonkraftwerk auf dem Balkon nicht mehr. Danke Ulli, die Marschrichtung stimmt.     


MieterEcho 448 / März 2025

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