Gewinnbare Alltagskämpfe
Stadtteilkomitees organisieren Bewohner/innen für den Kampf um bessere Wohnverhältnisse.
Von Oliver Rast
Es sind kleine Erfolgsmeldungen, die motivieren – wie diese vom 1. März: „Gemeinsam gegen Grand City Property – Mieter*innen der Koloniestraße 2-8 schaffen teuren Wachschutz ab", steht in großen roten Lettern auf der Homepage der Stadtteilkomitees Berlin.
Ein Erfolg einer solidarischen Nachbarschaft. Denn seit Januar 2026 steht der Wachschutz-Container nicht mehr im Innenhof der Koloniestraße 6 im Wedding. Die Mieter/innen haben seine Abschaffung gemeinschaftlich durchgesetzt – und entlasten damit künftig die Betriebskosten um insgesamt mehr als 210.000 Euro pro Jahr. Für jeden Haushalt bedeutet das eine Ersparnis von rund 800 bis 1.200 Euro jährlich. Ein deutliches Zeichen dafür, wie wirkungsvoll organisierter Zusammenhalt sein kann – auch gegen den börsennotierten Immobilienkonzern Grand City Property mit Sitz in Zypern.
Die Idee, Mietergemeinschaften am Wohnort zu organisieren, gibt es schon lange. Ein Projekt zur konkreten Umsetzung dieser Idee besteht seit der Jahreswende 2017/2018, erzählt Mirko Bensch (*) im Gespräch mit dem MieterEcho. Zunächst unter dem Namen Kiezkommune, und seit rund fünf Jahren treten die Aktivist/innen als Stadtteilkomitees im Wedding, in Lichtenberg und in Neukölln auf. Und klar: Hohe Mieten und Betriebskosten, fehlende Instandhaltung und Vermüllung in proletarischen und migrantisch geprägten Wohnquartieren, all das seien drängende Probleme der Bewohner/innen – „da muss man nicht drumherumreden", weiß Bensch. Aber einen alten Fehler vieler aus der radikalen Linken wollen die Stadtteilkomitees nicht machen: Sie wollen keine Ein-Punkt-Bewegungen sein. Denn Ausbeutungs- und Unterdrückungsverhältnisse sind miteinander verzahnt.
Erfolge machen Lust auf mehr
Aber was ist „der Kitt" in der Nachbarschaft? Bensch: „Uns vereint, dass der überwältigende Großteil unserer Nachbar/innen lohnabhängig ist." Unbestritten, Mietenexplosion oder Entmietung durch Verwahrlosung, Eigenbedarfsklagen, Zwangsräumungen und Modernisierung, belasten „immens", so Bensch weiter. Immobilienhaie beherrschen dabei „das gesamte Repertoire". Stadtteilkomitees versuchen dagegenzuhalten und unterbreiten niedrigschwellige Angebote.
Das allein reicht nicht, die Komitees organisieren sich bewusst „entlang von Lebensbereichen". Das sei eine „populäre Arbeitsweise", erklärt Bensch. Es gehe um einen „Aufbauprozess von Gegenmacht", der perspektivisch über den einzelnen Stadtteil hinausreicht. Und deshalb haben sie sich berlinweit in der Organisation „Bund der Kommunist:innen" zusammengeschlossen.
Bezahlbarer Wohnraum angesichts der sich verschärfenden Situation auf dem Wohnungsmarkt in Berlin – das war auch ein Ausgangspunkt von „Hände weg vom Wedding". Die Initiative agiert seit 2012 mit beständiger Netzwerk- und Bündnisarbeit – und ist dabei so etwas wie ein Vorreiter. Aber eine Stellvertreterpolitik betrieben sie nicht, betont Lena Schmitz (*) im Gespräch mit dem MieterEcho. „Wir wollen vor allem uns selbst und unsere Mitmenschen zu wirkungsvollen Aktivisten ausbilden, die in der Lage sind, ihre Rechte zu erkämpfen und anderen solidarisch zur Seite stehen." Einfach sei das nicht, betont die langjährige Organisatorin von „Hände weg vom Wedding". Oftmals gehe es um Vertrauen untereinander – und „um die Aussicht auf gewinnbare Kämpfe". Dafür brauche es die Erfahrung mit den Nachbar/innen, gemeinsam etwas erreichen zu können. Mit klarer linker Position, aber ohne Phrasen zu dreschen.
Fraglos sei man von einer „realen Mieter/innenmacht" aktuell recht weit entfernt. Ein Grund für Schmitz: „Nach dem kraftvollen Aufbruch rund um den erfolgreichen Volksentscheid zur Enteignung großer Wohnungsunternehmen 2021 ist eine spürbare Leere entstanden." Die Verschleppung des Entscheids durch den CDU-SPD-Senat habe Spuren hinterlassen. Die Wut sei aber geblieben – und die Klagen über explodierende Mieten auch.
Umso wichtiger sind Teilerfolge im Alltag organisierter Nachbarschaften, wie in der Koloniestraße. Und die seien „ein Vorgeschmack auf das Mögliche, wenn wir zusammenstehen", ist sich Schmitz sicher.
(*) Namen geändert
MieterEcho 456 / April 2026


