Interessengemeinschaft und Beratung für Berliner Mieter
MieterEcho 456 / April 2026

150 Jahre Mieterkämpfe

Ein bereits 2018 erschienener Sammelband zur Berliner Mieterbewegung bietet umfassende historische Einordnungen.

Von Tom Küstner

Im Jahr 2026 ist die Wohnungsfrage für viele Menschen das wichtigste politische Thema in Berlin. Doch wer glaubt, dass der Widerstand gegen die „Wohnungsnot" ein Phänomen des 21. Jahrhunderts ist, irrt. In dem 2018 erschienenen Sammelband „Mieterkämpfe. Vom Kaiserreich bis heute – Das Beispiel Berlin" wirft der Politikwissenschaftler Philipp Mattern gemeinsam mit 13 Autor/innen einen tiefen Blick in die Geschichte einer Stadt, die niemals nur „passiv bewohnt" wurde. Auf 212 Seiten dokumentieren sie, dass der Kampf um das Dach über dem Kopf so alt ist, wie das moderne Berlin selbst. Es ist eine „Geschichte von unten", die zeigt, dass Mieter/innen stets als handelnde Subjekte auftraten – mal mit Flugblättern, mal mit Barrikaden.

Der historische Bogen spannt sich über 146 Jahre und beginnt mit einem Ereignis, das heute fast vergessen ist, in seiner Dramatik jedoch an die aktuellen Zwangsräumungen erinnert. Der Historiker Axel Weipert schildert den Fall des Tischlers Ferdinand Hartstock, der 1872 aus seiner Wohnung in der Blumenstraße (nahe dem heutigen Strausberger Platz) geräumt wurde. Der Vorwand: die Aufnahme eines Untermieters. Das wahre Motiv: Profitgier durch Neuvermietung zu höheren Preisen. Was folgte, waren die legendären „Blumenstraßenkrawalle". Tausende Menschen solidarisierten sich mit Hartstock, es kam zu Straßenschlachten mit der Polizei, Steinwürfen und Säbelattacken. 102 verletzte Beamte und 159 verletzte Demonstranten waren die Bilanz eines Protests, der deutlich machte, was für ein sozialer Sprengstoff in der Wohnungsfrage steckte.

Der Band gliedert sich in elf Kapitel, die verschiedene Epochen und Perspektiven beleuchten. Wie z. B. die Zeit der Weimarer Republik, mit großen Mietstreiks und dem Einfluss der KPD, die Kneipen als „Wohnzimmerersatz" und strategische Planungsorte nutzte. Oder der Widerstand gegen die Kahlschlagsanierung im Westberlin der 1970er und 1980er Jahre und die Entstehung der „behutsamen Stadterneuerung". Wo auch die Kämpfe migrantischer Mieter/innen, die oft unter besonders prekären Bedingungen lebten, thematisiert werden.

Erfolge sind möglich

Auch die Aufarbeitung des Kampfes um Wohnraum in Ostberlin ist Thema des Buches. Dietmar Wolf beschreibt das „Schwarzwohnen" in den 1980er Jahren als eine Art „sozialistischen Volkssport". Oppositionelle und Künstler besetzten verfallende Altbauten im Prenzlauer Berg, was den Grundstein für die massive Besetzungswelle der Wendezeit legte. Im Spätsommer 1990 waren allein in Ost-Berlin rund 200 Häuser besetzt – was die damalige Verwaltung völlig überforderte.

Die Autor/innen, die oft selbst aus der Bewegung kommen oder dazu forschen, sparen dabei nicht an Selbstkritik. Die internen Konflikte der Besetzerbewegung zwischen „Verhandlern" und „Nicht-Verhandlern" und die Reibungen zwischen Ost- und West-Besetzer/innen nach dem Mauerfall werden thematisiert. Es wird deutlich: Mieterorganisation ist mühsam, erfordert Ausdauer und scheitert oft an der eigenen Zerstrittenheit – und dennoch hat sie Berlin maßgeblich geprägt.

Herausgeber Philipp Mattern betont, dass das Buch „Grabungscharakter" hat. Es gehe darum, verschüttete Erfahrungen für die heutige Zeit nutzbar zu machen. Die Kernbotschaft lautet „Erfolge sind möglich." Viele heutige Errungenschaften, wie Mieterschutzrechte oder der Erhalt ganzer Kieze, sind das direkte Ergebnis von Druck von der Straße. „Mieterkämpfe" ist für alle, die Berlin nicht nur als Immobilienmarkt, sondern als sozialen Raum verstehen. Es verbindet Mikrostudien (wie zum Märkischen Viertel) mit großen historischen Linien und bleibt dabei stets nah an den Menschen, die sich weigerten, ihre Koffer kampflos zu packen.

Wer wissen will, warum Berlin bis heute als „Hauptstadt der Mieter/innen" gilt, kommt an diesem Konzentrat aus Widerstand, Hoffnung und Hartnäckigkeit nicht vorbei. Es ist eine Einladung, die Stadt als ein umkämpftes Projekt zu begreifen, dessen Geschichte noch lange nicht zu Ende geschrieben ist.

 

Philipp Mattern (Hrsg.)
Mieterkämpfe: Vom Kaiserreich bis heute – Das Beispiel Berlin 
Bertz+Fischer Verlag Berlin 2018, Taschenbuch, 212 Seiten, 8 Euro


MieterEcho 456 / April 2026

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