MieterEcho
Nr. 278 - März/ April 2000

Die Stadt als Beute?

 

Ein Gespräch mit den Autoren Walther Jahn, Stephan Lanz und Klaus Ronneberger zu ihrem jüngsten Buch "Stadt als Beute".

Das Gespräch führten Andrej Holm und Volker Eick.

In Eurem Buch geht es vielfach um die Verknüpfung von Innerer Sicherheit und Aufwertungsprozessen bestimmter Quartiere. Könnt Ihr dafür konkrete Beispiele aus Berlin benennen, die jenseits der Innenstadt oder des Regierungsviertels liegen? Handelt es sich also um ein gesamtstädtisches Phänomen?

In Eurer Frage klingt eine räumliche Trennung der Stadt in Innenstadt und Wohnquartier an, die es - so jedenfalls ein Argumentationsstrang unseres Buches - zu hinterfragen gilt. Unserer Meinung nach geht es sehr viel genereller um eine Umwertung des städtischen Raumes, in der auch die Bedeutung der einzelnen Stadtteile und ihre Beziehung zueinander neu hergestellt werden. Dies bedeutet natürlich nicht nur eine Aufwertung beispielsweise zentrumsnaher Viertel wie am Prenzlauer Berg oder in Mitte, sondern kann auch heißen, dass einzelne Quartiere abgewertet werden, wie dies etwa in den Diskussionen um sich herausbildende "Ghettos" oder die Großsiedlungen am Stadtrand geschieht. In der Konsequenz entstehen innerhalb der Stadt größere Unterschiede zwischen den einzelnen Quartieren und das sowohl räumlich als auch sozial.

Die These unseres Buches lautet, dass hierbei das Thema 'Innere Sicherheit' in den deutschen Städten an Bedeutung gewinnt und in diesem Sinne handelt es sich natürlich um ein gesamtstädtisches Phänomen. Allerdings nimmt dies an unterschiedlichen Orten der Stadt verschiedene Formen an, hat somit auch unterschiedliche Funktionen und trifft natürlich die verschiedenen Bevölkerungsgruppen in ganz unterschiedlicher Weise. Wenn das Quartiersmanagement Schöneberg-Nord als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme eine Kiezpatrouille einrichtet, die im Wohnquartier "nach dem Rechten" sehen soll, dann ist das natürlich etwas anderes, als wenn die AG City einen privaten Sicherheitsdienst für die Kontrolle des Ku'damms engagiert. Die Absicht, die hinter einer festungsartig überwachten und gesicherten Wohnsiedlung am Glienicker Horn oder einer mit "Doorman" versehenen Wohnanlage im Prenzlauer Berg steht, unterscheidet sich natürlich von jener, die hinter der Ausweisung von über dreißig "Gefährlichen Orten" durch die Berliner Innenverwaltung, der Installation eines Präventionsrates oder dem Bestellen eines privaten Sicherheitsdienstes durch WBM und WBF in Mitte und Friedrichshain steht.

In der "Stadt als Beute" haben wir versucht, die politischen und ökonomischen Veränderungen, die sich in den letzten Jahren in den deutschen Städten zeigen, mit der veränderten Wahrnehmung und Bedeutung von "innerer Sicherheit" in Verbindung zu bringen.

Während es in den Innenstädten dabei eher um die präventive Abschirmung von Bürotürmen, Malls, Bahnhöfen oder Einkaufszonen von einer als feindlich empfundenen Außenwelt geht, die sich weitgehend auf ein Einverständnis mit den Nutzern stützen kann, demonstrieren die Nachbarschaftshilfen, Quartierspatrouillen und Bürgerwehren, die sich in bestimmten Wohnvierteln herausbilden, eine hohe soziale Kontrolle nach "Innen" und eine starke Abwehrbereitschaft nach "Außen". In anderen Bereichen geht es wiederum um das Unsichtbarmachen von Armut, weil diese Touristen oder kaufkräftige Kunden irritieren oder schlicht das Mietniveau in dem Quartier senken könnte.

Gemeinsam ist all diesen Aktivitäten, dass das Thema Sicherheit in den Vordergrund gerückt wird und sich darüber auch das Klima in der Stadt verändert. Erkennbar ist, dass dabei in immer stärkerem Maße die Aushöhlung und Einschränkung von Bürgerrechten für Teile der Bevölkerung bewusst in Kauf genommen wird. In der "Stadt als Beute" haben wir versucht, die politischen und ökonomischen Veränderungen, die sich in den letzten Jahren in den deutschen Städten zeigen, mit dieser veränderten Wahrnehmung und Bedeutung von "Innerer Sicherheit" in Verbindung zu bringen.

Zu dem Aspekt der Trennung zwischen Innenstadt und Wohnquartier ist in diesem Zusammenhang noch folgendes anzumerken: die Vorstellung, dass die Zentren als Bereiche des Konsums die Alltagserfahrungen der Menschen nicht repräsentierten und für die Lebensrealität vergleichsweise unbedeutend seien, übersieht zwei wesentliche Dinge:

Einerseits gerät auf diese Weise aus dem Blick, dass schon die Definition der Innenstadt als Konsumzone und Geschäftsviertel Aufenthaltsrechte, Nutzungsmöglichkeiten und Aneignungsweisen des Raumes definiert und einschränkt. Andersherum wird auf diese Weise geleugnet, dass die Zentren ja sehr wohl Lebens- und Arbeitsorte für Teile der Bevölkerung sind. Erst wenn man verinnerlicht hat, dass der Kurfürstendamm nur zum Einkaufen da ist, erscheint es logisch, dass dort alles stört, was nicht in dieses Konzept passt. Das können dann mal jugendliche Migranten sein, die sich dort treffen, mal Demonstrationen oder aber Menschen, deren Äußeres einer lockeren Konsumatmosphäre im Weg steht.

Andererseits sind die Veränderungen der Innenstadt, die in Berlin unter dem Stichwort "Umbau zur Dienstleistungsmetropole" laufen, ja nicht ohne Auswirkungen auf die Gesamtstadt. Wenn die vorhandenen finanziellen Ressourcen zunehmend in die direkte und indirekte Subventionierung von innerstädtischen Großprojekten gesteckt werden, stehen sie eben für andere mögliche Ausgaben nicht mehr zur Verfügung. Zum anderen geraten durch diese politische Orientierung, die immer mit dem scheinbaren Naturgesetz "Globalisierung" begründet wird, die verfügbaren ökonomischen Potentiale Berlins fast vollständig aus dem Blick. Die Vorstellung, dass sich Berlin mit allen Mitteln zu einer global konkurrierenden Dienstleistungsmetropole wandeln solle, führte etwa dazu, dass zentrale Ostberliner Industrieanlagen in verwertbare Immobilien zur Entwicklung von Büros und teurer Wohnungen verwandelt wurden.

Eine dazu gegensätzliche Politik haben beispielsweise Städte wie Magdeburg, Jena oder Eisenhüttenstadt verfolgt, die versuchten, gemeinsam mit der Treuhandanstalt ausgewählte industrielle Kerne zu erhalten. Als exemplarisch für Berlin kann hingegen der Umgang mit den Elektro-Apparate-Werken (EAW), ehemals einer der größten Ost-Berliner Arbeitgeber, dem Narva-Kombinat, oder auch mit dem Industriegebiet Oberschöneweide gelten. Mit der Abwicklung der Kombinate verloren nicht nur Tausende den Arbeitsplatz, der anschließende Umbau der Areale zu Orten wie der "Oberbaum-City" zementierte die damit entstehende soziale Spaltung auch noch: Als Mieter für dieses 1,3 Milliarden DM teure Quartier stellen sich die Bauherren vor allem "Kreative" vor, eine Mischung aus Architekten, Designern, Künstlern und Softwareunternehmen. Die Leute, die hier zuvor gearbeitet haben, werden dazu kaum gehören: Wenn überhaupt, finden sie in einem solchen Dienstleistungszentrum einen Job höchstens als schlecht bezahltes und nicht abgesichertes Sicherheits-, Reinigungs- oder Dienstbotenpersonal.

Bezogen auf Eure Frage scheint es so zu sein, dass die Innenstädte die Knotenpunkte in der Herausbildung einer neuen Metropolenökonomie darstellen. Dabei kommt den teilweise privatisierten und überwachten Orten einschließlich der Verdrängung von nicht-konformen Nutzungs- und Aneignungsweisen eine Vorbildfunktion für die Umgestaltung der gesamten Stadt zu.

Ihr habt Eurem Buch den Titel "Die Stadt als Beute" gegeben. An verschiedenen Stellen geht Ihr auf die Arbeiten von Neil Smith ein, der ein Buch zur Stadtpolitik New Yorks unter dem (Unter)Titel "The Revanchist City" geschrieben hat. Wie sind diese beiden Titel in Eure Diskussion eingebettet? Wer macht "Beute" zu wessen Lasten? Wie ist der Terminus "revanchist" im Kontext der Stadtpolitik zu verstehen? Wer "rächt" sich an wem, wer gibt "Revanche"?

Was der amerikanische Stadtforscher Neil Smith exemplarisch an New York zeigt, ist ja, dass der gegenwärtige Wandel der Metropolen nicht nur durch die Kapitallogik einer Vermarktung von Grund und Boden erfolgt, sondern auch an eine "revanchistische Politik" - was sowohl Rückeroberung als auch Rache meint - gekoppelt ist. Es greift einfach zu kurz, die derzeitigen Veränderungen nur mit ökonomischen Interessen erklären zu wollen - auch wenn diese eine wesentliche Rolle spielen. Gemeint ist vielmehr, dass es um einen umfassenden gesellschaftlichen Wandel geht, bei dem auch die Position der einzelnen Menschen innerhalb der Gesellschaft neu definiert wird.

Nun vertreten wir in unserem Buch nicht die Auffassung, dass die Entwicklungen diesseits und jenseits des Atlantiks identisch sind - ein Kapitel unseres Buches heißt entsprechend "This is not America". Dennoch wird auch in Deutschland mit der Aushöhlung des Sozial- und Wohlfahrtsstaates die Position jedes Einzelnen innerhalb der Gesellschaft prekärer. Im Zuge der zunehmenden Betonung von Eigenverantwortlichkeit - ob auf dem Wohnungsmarkt, bei Altersvorsorge oder Arbeitslosigkeit - verwandeln sich bisherige Rechte innerhalb des Wohlfahrtsstaates verstärkt in Pflichten. Häufig kommt es wieder zu der aus dem 19. Jahrhundert bekannten Unterscheidung zwischen den "würdigen Armen", die sich bemühen, der Gemeinschaft nicht "auf der Tasche zu liegen", und den "unwürdigen Armen", die selbst an ihrer Situation schuld seien. Was damit gemeint ist, bringt der englische Premier Tony Blair auf den Punkt: "Es ist wichtig, zu erklären, dass wir kleinere Vergehen nicht länger tolerieren. Das Grundprinzip lautet: Ja, es ist gerechtfertigt, gegenüber den Obdachlosen auf der Straße intolerant zu sein" (zit.n.: Guardian 10.4.1997).

Häufig kommt es wieder zu der aus dem 19. Jahrhundert bekannten Unterscheidung zwischen den "würdigen Armen", die sich bemühen, der Gemeinschaft nicht "auf der Tasche zu liegen", und den "unwürdigen Armen", die selbst an ihrer Situation schuld seien.

So nimmt denn auch die Bereitschaft zu, bestimmte Gruppen oder Milieus auszugrenzen und ihnen bestimmte städtische Räume streitig zu machen. Hierbei schlagen viele Kommunen einen Weg ein, auf dem auch soziale oder rechtliche Errungenschaften rückgängig gemacht werden. Beispielsweise unterlaufen viele Kommunen durch bestimmte Festsetzungen in den Gefahrenabwehrverordnungen faktisch die in den siebziger Jahren vollzogene Entkriminalisierung von "Bettelei und Landstreichertum". Dabei lässt sich die repressive Ausgrenzung von Menschen, die als nicht konform definiert werden, erfolgreich damit legitimieren, dass es um die Rückeroberung bestimmer städtischer Gebiete durch die "Gemeinschaft der Wohlanständigen" gehe.

All diese Veränderung verlaufen natürlich nicht ohne Akteure. Allerdings ist es zu einfach, die Verantwortung für solche Prozesse allein in der Politik oder der Verwaltung zu suchen. Was sowohl die Analyse dieser Prozesse als auch das politische Handeln schwierig macht, ist zum einen die Tatsache, dass sich Verdrängung, Kriminalisierung oder erhöhte Kontrolle auf einen breiten Konsens innerhalb der Bevölkerung stützen kann. Andererseits sind ja unterschiedliche Gruppen auf verschiedene Weise von diesen Entwicklungen betroffen. So kann es ja beispielsweise sein, dass jemand, der sich von steigenden Mieten und der Umstrukturierung seines Stadtteils bedroht fühlt, gleichzeitig positiv auf Sicherheits- und Sauberkeitskampagnen Bezug nimmt, die sich wiederum gegen andere Milieus richten.

Und in der Tat lässt sich zweierlei beobachten: zum einen nimmt die Bereitschaft zu, auf Grund von eigenen Befindlichkeiten oder Interessen - in der Regel ist in diesem Zusammenhang vom subjektiven Sicherheitsgefühl die Rede - die Rechte von anderen Menschen einzugrenzen oder zu beschneiden. Das kann bedeuten, dass Jugendlichen ihre Treffpunkte in den Innenstädten streitig gemacht werden, die Sondergesetze für Asylbewerber benutzt werden, um ihnen den Zugang zu bestimmten Stadtvierteln zu verbieten oder Obdachlose an den Stadtrand transportiert werden. Die "legitime Intoleranz" von der Blair allen Ernstes spricht, findet hierin ihren Ausdruck.

Zum anderen, und das ist eigentlich erstaunlich, nimmt auch die Bereitschaft zu, sich selbst überwachen und kontrollieren zu lassen. So hat etwa die Deutsche Bahn AG ihr Videoüberwachungssystem nicht klammheimlich eingeführt, sondern macht offensiv damit Reklame, 24 Stunden alles im Blick zu haben. Auch hierin kommt eine Veränderung des politischen Klimas zum Ausdruck.

Im Kontext von Aufwertungsstrategien spielt ja - gerade in einer Stadt wie Berlin, die einen verhältnismäßig hohen Mietwohnanteil hat, der Wohnungsbau, Modernisierung und Sanierung eine besondere Rolle. Was hat sich, sagen wir, seit dem Anschluss auf dem Wohnungsmarkt getan? Für wen wird wo mit welchen Geldern gebaut - und für wen nicht mehr? Liegt diesen Strategien auch ein "revanchistischer" Subtext zugrunde?

Generell gilt ja der Politik in Berlin der hohe Mietwohnungsanteil als Problem. Man verabschiedet sich von der Vorstellung, die Kommune müsse auf dem Wohnungsmarkt als Akteur agieren, der die durch den Markt entstehenden sozialen Härten zumindest abmildert. Entsprechend tritt an die Stelle von sozialem Wohnungsbau nun eine verstärkte Eigentumsförderung. Gleichzeitig privatisiert die große Koalition mit dem Hinweis auf die leeren Kassen Teile der Bestände der städtischen Wohnungsbaugesellschaften - hier spielt natürlich auch der Bund mit dem Altschuldenhilfegesetz eine Rolle - oder verkauft gleich die ganzen Unternehmen. Da parallel dazu immer mehr Wohnungen, die in den sechziger und siebziger Jahren fertiggestellt worden sind, aus der Sozial-Bindung fallen bzw. gefallen sind, nimmt der Einfluss der Kommune auf den Wohnungsmarkt stetig ab. Erschwerend kommt noch hinzu, dass die städtischen Wohnungsbaugesellschaften aufgefordert sind, marktnah zu agieren und das auch tatsächlich tun. Die Verkaufspolitik etwa von WBF, WIP oder WBM, die in aller Regel trotz gegenteiliger politischer Vorgaben einer mieternahen Privatisierung an meistbietende Investoren veräußern, macht dies deutlich.

Gleichzeitig bessert aber auch der Berliner Senat seinen Haushalt durch sogenannte In-Sich-Geschäfte auf. Dabei fusionieren zwei landeseigene Gesellschaften indem ein Unternehmen ein zweites übernimmt und an das Land den Kaufpreis bezahlt. Dieser wiederum wird - auf Kosten der Mieter - dadurch aufgebracht, dass man Tausende der attraktivsten Wohnungen verkauft. In nachgefragten Quartieren nimmt dadurch der Verwertungsdruck auch im Altbaubestand zu und beschleunigt die Verdrängung von Bewohnern, die nur eine geringe Miete zahlen können.

Was den revanchistischen Subtext angeht, so lässt sich das vielleicht an einem Beispiel deutlich machen: Die Diskussionen um Eigentumsförderung, neue Stadtbürger und urbane Kultur hier in Berlin befördern ja mehr als nur die Subventionierung der eigentumsfähigen Schichten. Es wird eine ganz bestimmte Vorstellung davon produziert, wie die Stadt auszusehen habe und wie sie zu nutzen sei. Indem beispielsweise das Planwerk Innenstadt die östliche Innenstadt im Rahmen internationaler Städtekonkurrenz zum Entwicklungshindernis erklärt, gerät nicht nur der Städtebau etwa auf der Fischerinsel unter Druck, sondern es wird ja auch die Frage thematisiert, wer solche Räume nutzen kann und wie. Wie selbstverständlich geht man hier - etwa im Gegensatz zum Städtebau der DDR - davon aus, dass das Wohnen von Mietern, die nicht zu den neuen Dienstleistungsmilieus der sog. Stadtbürger gehören, nicht in die Innenstadt passe. Denn auf diese Weise, so die hier zum Tragen kommende Markt-Logik, sei der städtische Raum "unter Wert" genutzt. Plötzlich gelten bestimmte soziale Praktiken oder die Bevölkerungsstruktur an solchen Orten als nicht akzeptabel. Damit verschieben sich auch die politischen Bewertungen. Die Kommunalpolitiker problematisieren nicht mehr eine mögliche Verdrängung, sondern verweisen auf die Notwendigkeit, solche Orte in den Innenstädten aufwerten zu müssen. Der Yuppie, der in den achtziger Jahren auch dem Großteil der westdeutschen Kommunalpolitik als Sinnbild für Egoismus und Abgrenzung diente, mutiert in diesem Wandel zum verantwortungsbewussten Stadtbürger und gefeierten Retter der urbanen Kultur. Das heißt, es geht auch hier um weit mehr als nur um die Fassaden.

Uns war wichtig, deutlich zu machen, dass sich ein Typus von Stadt herauszubilden scheint, in der die Hierarchie unterschiedlicher Rechte und gesellschaftlicher Positionen der Menschen nicht mehr als vorübergehendes und prinzipiell aufhebbares Ungleichgewicht gelten soll, sondern als natürliche und legitime Voraussetzung der gesellschaftlichen Ordnung.

Der Begriff "neofeudaler" Gesellschaftsstrukturen, die Ihr ja auch als eine Kategorie einführt, um die als "Armutsrisiken" bezeichneten Prozesse der Ausgrenzung und Segregation im städtischen Raum zu beschreiben, ist ja an sich nicht neu. Seit einigen Jahren diskutieren etwa verschiedene Wissenschaftler die Frage, ob durch die digitale Welt nicht neofeudale, mittelalterliche Strukturen neu erstehen: exklusiv, nicht kontrollierbar, an Grenzen und Territorien - Grundlage von Nationalstaatlichkeit - nicht mehr gebunden.

Mit dem Begriff neofeudal wollten wir weder einen Rückbezug zu anderen historischen Epochen herstellen, noch verstehen wir den Begriff im Sinne von Staatlichkeit, die auf ein bestimmtes Territorium bezogen ist. Wir haben solche Terminologien wie "Neofeudalismus" oder auch den bereits erwähnten "urbanen Revanchismus" in unserem Buch eingeführt, um deutlich zu machen, dass gegenwärtig ein politischer Einschnitt stattfindet, der das Alltagsleben und die sozialen Beziehungen in einer Form beeinflusst, die mit dem Begriff Neoliberalismus nicht ausreichend erklärbar ist.

Seit den 80er Jahren haben neoliberale Ideologien stark an Einfluss gewonnen. Dies schlägt sich - wie zum Teil schon angesprochen - politisch und zunehmend auch materiell, also bezogen auf die konkreten Lebensumstände der Leute, auf der lokalen Ebene nieder. Dabei sind die Veränderungen, die wir derzeit erleben, nicht allein Antworten auf die Krise des Wohlfahrtsstaates der Nachkriegszeit, sondern gehen weit darüber hinaus. Mit dem scheinbar endgültigen Triumph des Kapitalismus und dem Rückgang kollektiver Solidarsysteme zeichnet sich gegenwärtig das Ende des Vorsorgestaates ab, der als Reaktion auf das gesellschaftspolitische Scheitern des Liberalismus am Ende des letzten Jahrhunderts entstanden war. Ein Scheitern, das übrigens von den Apologeten des Neoliberalismus völlig ausgeblendet wird. Bei den aktuellen Prozessen handelt es sich damit um einen säkularen, tiefgreifenden Einschnitt, in dem sich elementare Bestandteile einer sozialen Regulation in der Auflösung befinden, die über einen langen historischen Zeitraum hinweg unter den unterschiedlichsten politischen Regimen die Entwicklung in Deutschland prägten. Für die Beschreibung dieser gesellschaftlichen Tendenzen taugt das Label "Neoliberalismus" oder "neoliberale Stadt" nur begrenzt.

Uns war es wichtig, deutlich zu machen, dass sich ein Typus von Stadt herauszubilden scheint, in der die Hierarchie unterschiedlicher Rechte und gesellschaftlicher Positionen der Menschen nicht mehr als vorübergehendes und prinzipiell aufhebbares Ungleichgewicht gelten soll, sondern als natürliche und legitime Voraussetzung der gesellschaftlichen Ordnung. Das bedeutet unserer Meinung nach nicht die schlichte Rückkehr zum traditionellen Liberalismus des 19. Jahrhunderts, sondern eine grundlegende Neubestimmung der gesellschaftlichen Ordnung.

In den Städten spielen dabei regelrechte "Sicherheitsgemeinschaften" eine wichtige Rolle, deren Ziel darin besteht, bestimmte Situationen und Territorien zu kontrollieren und die stark an feudale Strukturen erinnern. Zunehmend wird der städtische Raum aufgesplittet in privat oder auch öffentlich regulierte Territorien, für die jeweils eigene Regeln gelten, an die man sich zu halten hat bzw. die jeweils auch den Zugang beschränken und bestimmte Personengruppen ausschließen. Dies beginnt damit, dass man die Landesgrenzen faktisch mitten in die Städte verlegt, wenn der Bundesgrenzschutz und die Polizei jetzt auf der Straße scheinbare "Ausländer" mit dem Ziel kontrollieren dürfen, illegal Eingewanderte aufzuspüren. Es geht weiter an sog. "gefährlichen Orten", von denen man mit Platzverweisen vertrieben werden kann. Es zeigt sich auf Bahnhöfen und in Shopping-Centers, die Verhaltensweisen und Zugänge mit Hausordnungen regulieren, die sich an den Normen einer bürgerlichen Wohlanständigkeit orientieren. Und es greift bereits über auf Wohngebiete, wenn Wohnhäuser und Spielplätze videoüberwacht werden, und Patrouillen durch die Kieze streifen. Die USA zeigen, wie weit das gehen kann: Dort werden immer mehr Wohnsiedlungen von Mauern umschlossen und ganze Business-Distrikte von privaten Betreibern mit eigenen Regeln versehen, kontrolliert und überwacht.

Als ein Ergebnis scheint sich die zentrale Dimension der sozialen Frage von der Ausbeutung zur Ausgrenzung zu verlagern, die in der Bundesrepublik vor allem über die Exklusion vom Arbeitsmarkt erfolgt.

Mit dem Begriff "Neofeudalismus" wollen wir einen Wandel umschreiben, der sich unter anderem in solchen Entwicklungen ausdrückt. Der Begriff kann aus unserer Sicht aber nur vorläufig sein, da er noch nicht präzise das abbildet, was sich gegenwärtig an gesellschaftlichen Umwälzungen vollzieht.

Die "Wege aus der Mitte", mit denen ihr am Ende einen Bogen zu vorhandenen bzw. notwendigen sozialen Bewegungen schlagt, sind leider Trampelpfade geblieben. Euer Aufruf, eine "neues Verständnis vom Sozialen" zu entwickeln, zielt vor allem darauf, Armut und Ausgrenzung anders zu sehen. Ist Diskurskritik politische Praxis im Zeitalter des Neoliberalismus?

Natürlich meinen wir nicht, man müsse Armut nur aus einer anderen Perspektive betrachten, um die positiven Seiten an ihr herauszuarbeiten und die Probleme lösten sich - frei nach dem Motto "Geld allein macht nicht glücklich" - von alleine auf.

Was wir in "Die Stadt als Beute" zu zeigen versuchen, ist, dass die Durchsetzung des Neoliberalismus sehr unterschiedliche Formen von Macht- und Unterdrückungsverhältnissen produziert. Als ein Ergebnis scheint sich die zentrale Dimension der sozialen Frage von der Ausbeutung zur Ausgrenzung zu verlagern, die in der Bundesrepublik vor allem über die Exklusion vom Arbeitsmarkt erfolgt. Aber auch die Arbeitsverhältnisse polarisieren sich durch Deregulierung. Die erfolgreiche Legitimierung der Einschränkung oder Abschaffung von sozialen Standards und Grundrechten als scheinbar notwendige Maßnahmen, um die Wohlfahrtswirkungen des neuen Marktfundamentalismus zur Entfaltung zu bringen, zeigt, dass sich das ideologische Klima deutlich verschoben hat. Wie bereits oben gesagt, ist dafür unserer Meinung nach nicht nur die veränderte Ökonomie verantwortlich. Auch die Absetzbewegungen der Mittelklassen und die damit verbundenen Entsolidarisierungen tragen zu einer verschärften Grenzziehung zwischen "Innen" und "Außen" bei.

Wenn wir bei der Bewertung möglicher politischer Optionen so vorsichtig sind, so hängt das genau mit dieser Analyse zusammen. Die gegenwärtigen gesellschaftspolitischen Kräfteverhältnisse lassen einfach wenig Raum für Interventionsmöglichkeiten. Hinzu kommt, dass die Zersplitterung der Gesellschaft und damit einher gehende Individualisierungsprozesse es auch unmöglich machen, eine Opposition gegen den Neoliberalismus mit einem einheitlichen Handlungsmodell oder aus einem geschlossenen Weltbild heraus zu organisieren. Gerade die Praxis der neuen sozialen Bewegungen zeigt, dass die Autonomievorstellungen der Menschen widersprüchlichen Ansprüchen folgen. Zudem sind die gesellschaftlichen Gruppen in unterschiedlicher Weise von Unterdrückungs- und Diskriminierungsformen betroffen. Die selektive Klassifikation von Menschen nach ethnischer Zugehörigkeit, Geschlecht oder sozialer Position produziert ungleiche Machtverhältnisse und auch ungleiche Möglichkeiten des Widerstands.

Das heißt nun aber nicht, dass Widerstand sinnlos ist oder sich allein in einer Diskurskritik erschöpfen sollte, auch wenn diese wichtig ist. Im Gegenteil wird es in Zukunft gerade darauf ankommen, sehr heterogene Bündnisse zu schmieden, ohne die Widersprüchlichkeiten zwischen den einzelnen Kollektiven vorschnell aufzulösen. Dabei ist wenig hilfreich, die Praktiken unterschiedlicher Milieus immer nur aus der Perspektive sozialer Probleme zu betrachten, wie das beispielsweise in der Sozialarbeit geschieht. Das ist es, was wir meinen, wenn wir schreiben: "Von entscheidender Bedeutung wäre es zunächst, wieder ein Verständnis vom Sozialen zu entwickeln, das nicht nur als eine Kultur der Probleme erscheint, sondern auch als Reich der Freiheit".

Ronneberger, Klaus; Lanz, Stephan; Jahn, Walther 1999:

Die Stadt als Beute

Dietz Verlag, 240 S., 24,80 DM

ISBN: 3-8012-3083-X

 

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