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Licht ins Dunkel - und alles im Lot? Ein außergewöhnliches Buch über Armut und Ausgrenzung in Berlin Claude Levi-Strauss verglich ethnologisches Denken einst mit den von neolithischen Brandrodungsbauern angefachten Buschfeuern. Es setze unerforschte Gebiete in Brand, hole hastig ein paar Ernten ein und lasse sodann ein verwüstetes Gebiet zurück. Eine Kritik, der sich die in der Europäischen Ethnologie attraktiv werdende Forschung zu illegalisierten MigrantInnen und anderen sogenannten Randgruppen stellen sollte, bevor sie zum Handlanger der Repressionsapparate geworden ist. Von diesem Problemkomplex ist der von der Ethnologin Michi Knecht herausgegebene Sammelband "Die andere Seite der Stadt" noch recht weit entfernt. Anfangs riecht es nach glücklichen Armen, Clochards für das 21. Jahrhundert. Zu danken ist den Texten allerdings, deutlich gemacht zu haben, dass Armut nicht einfach "geschieht" oder nur "einfach so da" ist. Entgegen den Unkenrufen professioneller Meinungsmacher ist Armut keine Folge individueller Lebenswege des Versagens. Vielmehr wird sie innerhalb einer Gesellschaft produziert und vermittelt, sie entwickelt sich mit und aus dem, was gemeinhin Reichtum genannt wird. Armut durch Reichtum Die "eine Seite" der Stadt ist bekannt: Demonstration von Hauptstadtfähigkeit, Inszenierung glänzender Luxuswelten und internationalem Niveaus, das große Marketing und ein das Image des "Neuen Berlins" flankierender Katalog aus stadtpolitischen Maßnahmen. Diese "Vorzeigeseite" der Stadtpolitik steht zwar nicht im Zentrum der Aufsatzsammlung, ist dennoch in gebrochener Form ihr Thema. "Die andere Seite der Stadt" hat sich in erster Linie zur Aufgabe gemacht, das Dunkel der städtischen Realitäten jenseits des Hauptstadtdiskurses zu beleuchten. 23 Studierende der Europäischen Ethnologie an der Humboldt-Universität beschäftigten sich unter der Leitung von Michi Knecht zwei Jahre lang mit dem Phänomen "Armut in Berlin". Sehr früh stellte die Projektgruppe fest, dass die meisten der sozial- und kulturwissenschaftlichen Interpretationsangebote zum Thema Armut - seien sie herrschaftsstabilisierend oder auch kritisch - sich durch ein organisiertes Nicht-Wissen über die empirischen Grundlagen des Gegenstandes auszeichnen, den sie zu erforschen vorgeben. Diesem Manko setzte das Projekt die bewusste und intensive Teilnahme am Leben der von ihm erforschten Betroffenen entgegen. Mit ethnographischem Blick und entsprechenden Methoden (teilnehmende Beobachtung, Feldforschungstagebücher, qualitative Interviews, Infragestellen eigener Vorurteile) beobachteten die Studierenden Wirklichkeit und Wahrnehmung verschiedener, von unterschiedlichen Armutsformen betroffener Menschen. In kleinen und feinen Einzelfallstudien, die auf dem Grat zwischen Exotismus und wissenschaftlicher Legitimation balancieren, präsentieren sie jetzt ihre Untersuchungen und Ergebnisse über Berliner Alltagsformen mit Armut im und durch Reichtum. Armut durch Ausgrenzung Das untersuchte Feld ist breit: Ein Obdachlosen-Wohnprojekt, eine soziale Einrichtung für wohnungslose Frauen, die SchauspielerInnen eines Obdachlosentheaters, Straßenkids, die Strategien von BewohnerInnen vor und nach dem modernisierungsbedingten Abriss "ihrer" Neuköllner Wohnstraße, der Alltag in einer Wagenburg und an einer Ost-Berliner Imbissbude, die Nutzlosigkeits-Erfahrungen arbeitsloser Ostdeutscher, die Erzählungen und Erlebnisse von MigrantInnen und Flüchtlingen im unwirtlichen Berliner Exil und alternative Entwürfe von (Lebens-)KünstlerInnen zwischen der Macht des Sozialamtes und individueller Kreativität. Allen Aufsätzen gelingt es, "ihre Forschungsobjekte" als Betroffene und als Akteure zu portraitieren, ohne ihre Armut zu individualisieren oder gar zu stigmatisieren. Bemerkenswerterweise sind die Studierenden auf keinen Menschen gestoßen, der von sich behauptete, er sei arm - dass Armut auch immer eine Außenzuweisung ist, wird schnell deutlich. Auf Zwischenergebnisse vom Zuschnitt "arm, aber glücklich" ruhen sich die Autoren keineswegs aus, gehen damit der Gefahr der Verharmlosung von Armut auch nicht auf den Leim. Im Gegenteil: sie nehmen ihre Beobachtungen zum Anlass, um den relationalen Charakter von Armut herauszuschälen. Das Verhältnis zwischen Betroffenen und dem Rest der Wohlstandsgesellschaft wird thematisiert. Der rote Faden verweist beharrlich und mit Nachdruck auf die untrennbare Verbindung zwischen der "anderen" und der "einen" Seite Berlins: Eine Politik, die die Produktion von Hauptstadtfähigkeit und die Verteidigung von Konsumwelten auf die Tagesordnung setzt, sorgt auch für die Unsichtbarkeit derer, die sich hinter dem glitzernden Schein in der Kulisse des sozialen Abseits bewegen. Ethnologie der Ausgrenzung Armut ist ein Politikum: Sie kann euphemistisch umbenannt, verdrängt, verharmlost, zur Schürung von Abstiegsängsten und zu Disziplinierungszwecken benutzt werden. Deshalb ist das Bild Nicht-Armer von dem, was sie unter Armut verstehen, so definitionsmächtig - Armutsbilder werden schlichtweg gebraucht: "Neue Metaphern, Schlagworte und Argumente über Armut, Gerechtigkeit und die Nutzungsweisen der Stadt begleiten nicht nur den realen Wandel, sie bereiten ihn auch symbolisch vor". Einige Aufsätze haben die Untersuchung dieser Wahrnehmungsmuster explizit zum Thema: Armutserklärungen von Nicht-Armen werden aufgespürt anhand der Definitionen von "Sozialplanenden", also denjenigen, die berufsbedingt mit der Verwaltung von Armut beschäftigt sind, Bilder über städtische "Randgruppen" werden dekonstruiert, der Diskurs um Sauberkeit und Sicherheit wird als politikprägende Mythologie entlarvt, und die projekt-externen Autoren Dominik Veith und Jens Sambale liefern eine treffende Analyse der Instrumentalisierungsstrategien, die sich hinter der Zurichtung von bestimmten städtischen Quartieren zu Problemvierteln und "Innenstadtghettos" verbergen. Letztlich fordert "Die andere Seite der Stadt" eine perspektivische Verschiebung im kritischen Armutsdiskurs: weg von Konzepten einer "Kultur der Armut", hin zu einer "Ethnologie der Ausgrenzung". Man mag fragen, ob das bereits hinreicht, ob nicht auch Interessen und institutionalisierte Machtstrukturen in den Blick zu nehmen wären. Wäre die Europäische Ethnologie als "Wissenschaft vom kulturell Fremden" damit möglicherweise überfordert? Ihren derzeitigen Stand bringt Michi Knecht derweil so auf den Punkt: "Die Perspektive auf Armut und Ausgrenzung zu richten, heißt, nicht nur die Armen selbst ins Blickfeld zu rücken, sondern auch, wie der nicht-arme Teil der Gesellschaft mit Armut umgeht". Die ersten Schritte in diese Richtung hat das studentische Projekt unternommen - Kompliment an die Beteiligten. Zu wünschen bleibt, dass die Kontroverse um diesen Anspruch und die Konsequenzen seiner Realisierung sowohl innerhalb als auch außerhalb der Disziplin vorangetrieben wird. Miriam Fritsche/Volker Eick Michi Knecht (Hg.) 1999: Die andere Seite der Stadt. Armut und Ausgrenzung in Berlin Böhlau Verlag, ISBN 3-412-05799-1 347 S., DM 38,-
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