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| Radikale Erdkunde - von Jens Sambale | ||
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Im Herbst 1999 trafen sich skandinavische Geographen mit deutschen und kalifornischen Gästen im finnischen Turku zum 19. Nordischen Symposium kritischer Sozialgeographen. Den Hintergrund der Veranstaltung bildete die zunehmende Warenförmigkeit geographischer Wissensproduktion durch die steile Karriere computergestützter geographischer Informationssysteme (GIS). Dank dieser Werkzeuge können jede beliebige Karte produziert und komplexe sozial-räumliche Prozesse statisch fixiert werden. Die diversen Berliner Sozialstrukturatlanten der vergangenen Jahre illustrieren den schlichten Sex-Appeal, der von einer solchen geschichtsfreien graphischen Darstellung dynamischer sozial-räumlicher Prozesse für lokalpolitische Entscheidungseliten ausgeht und nicht zufällig in überwiegend technokratischen Problemlösungsstrategien wie dem Quartiermanagement mündet: Da ist was kaputt, repariert das mal! Damit stehen Geographen scheinbar vor einer unangenehmen Entscheidungsalternative: Will man kritischer sozialer Geograph sein oder zum GIS-Volk gehören? Raum, Zeit und das Soziale Die stadtsoziologischen und industriegeographischen Beiträge der Los Angeles School weisen einen Ausweg (unter anderem) aus dem Dilemma zwischen affirmativer und kritischer Geographie. Als eines ihrer prominentesten Mitglieder versucht Ed Soja, die wesentliche Räumlichkeit allen menschlichen Lebens und aller sozialen Prozesse in das Zentrum wissenschaftlicher Analysen zu rücken. Ihm und anderen kritischen Geographen ist die interdisziplinäre räumliche Wende der Sozial- und Geisteswissenschaften zu verdanken; also jene Prämisse, dass nichts und niemand außerhalb von Raum, Zeit und sozialen Beziehungen existiert. Daher muss jede wissenschaftliche (und politische) Analyse dieser gleichzeitig geographischen, historischen und sozialen Verfasstheit ihres Gegenstandes Rechnung tragen. Aber nicht, indem man einfach die Geschichte (now) auf die Geographie (where) addiert, denn dann landet man im nirgendwo, nowhere. Ein simpler Gedanke, der dem Alltagsverständnis unmittelbar zugänglich ist, der jedoch in den (Sozial-) Wissenschaften seit Mitte des 19. Jahrhunderts unter der Vorherrschaft der Geschichte verschütt gegangen ist. Oder wie der Historiker Marx dieses Programm der Ausweitung des Kapitalismus skizziert: "Die Vernichtung von Raum durch Zeit". Erst mit der Krise des Industriekapitalismus Ende der 60er Jahre wird Soja bei zwei philosophischen Querdenkern außerhalb des angelsächsischen Sprachraumes fündig (Michel Foucault und Henri Lefebvre), die darauf beharren, dass aller Raum immer sozial hergestellt wird und sozial reproduziert werden muss. Geographische Einheiten sind also nicht schlicht gegeben (Stadt/Land/ Fluss), sondern werden, wie Geschichte, gemacht - wenn auch nicht immer freiwillig. Zwar ist die Geographie immer auch die Geographie der Sieger, aber - und darauf beharren Foucault und Lefebvre - der soziale Raum lässt sich weder widerspruchslos noch vollständig der Verwertungslogik unterwerfen. Beide identifizieren in ihren Arbeiten andere Räume: Heterotopien bei Foucault und gelebter Raum (lived space) bei Lefebvre. Aus dieser Analyse in die Westberliner Rhetorik befreiter städtischer Räume zurückzufallen, wäre falsch, denn diese Räume stehen nicht außerhalb kapitalistischer Raumproduktion und sind keineswegs frei von ungleichen sozialen Beziehungen: Es sind Heterotopien, keine Utopien. Genauso verfehlt ist es allerdings, die Möglichkeit der Raumaneignung und - gestaltung durch soziale Bewegungen als politisches Projekt zu leugnen, wie es Soja lange tat. Raumgerechtigkeit Aber zehn Jahre nachdem er in Los Angeles von den sozialen Bewegungen und Klassenkämpfen der Einwanderer- und Arbeitergemeinden nur "dissonantes Schweigen" vernommen haben wollte, räumt auch Soja ein, dass die multidimensionalen feministischen und postkolonialen Analysen dieser "anderen Räume" zu einer beginnenden Politisierung der sozialen Raumproduktion geführt haben. Diese Politisierung fordert Raumgerechtigkeit als eine spezifische Form von Gerechtigkeit, die die Funktion bestimmter Räume für die Unterdrückung oder Emanzipation städtischer Gruppen betont. In Südkalifornien entwickeln sich aus einer solchen Analyse Forderungen nach und Strategien für eine regionale Demokratisierung und lokale Bürgerrechtsregime. Das muss kein egoistisch verbohrtes Unterfangen sein, wie die Forderungen von Umweltgruppen nach einem System grenzübergreifender, regionaler Bürgerrechte zwischen den toxischen und sozialen Opferzonen der mexikanischen Maquialadoras (von vielen Auflagen befreite Sonderproduktionszonen entlang der Grenze, die direkt für den Weltmarkt arbeiten) und Los Angeles im Norden belegen. Ein fortgeschritteneres Beispiel sozial-räumlich orientierter politischer Bewegung liefert jedoch die radikale Gewerkschaft der Buspassagiere in Los Angeles, die den Transitraum, in dem sich die ÖPNV-Abhängigen Einwohner der Stadt bewegen (müssen), erfolgreich als "Fabrik/Gemeinde auf Rädern" rekonstruieren und so militant wie erfolgreich unter dem Banner des Transitrassismus gegen die suburbane Schienenlobby vorgeht. Die aggressiven Attacken gegen die Bus Rider Union (eine Art illegitimes Kind der LA School) wie die vitriolischen Angriffe auf den Schwänzer der LASchool (Mike Davis) unterstreichen, dass der Kampf um die soziale und materielle Produktion (inner-)städtischen Raumes in den USA wieder von breiten konservativen Schichten außerhalb der traditionellen Downtown-Koalition geführt wird. Seit dem Ausläppern der Innen-Stadt-Aktion gibt es in Berlin keine räumlich orientierte politische Gruppierung mehr - einmal abgesehen von den Territorialterroristen des Umlandes mit ihrem beängstigend erfolgreichen Modus rassistischer Raumproduktion. Wenn, wie Soja uns erinnert, alle großen menschheitsgeschichtlichen Revolutionen, selbst die neolithische, von der Stadt ausgegangen sind, steht zu hoffen, dass Berlin sich wieder in die urbane Tradition sozialer Innovation einreiht. Zu erwarten ist das freilich keineswegs. Zum Weiterlesen: Der abschließende Band, nach "Postmodern Geography" (1989) und "Third Space" (1996) von Sojas Los Angeles Trilogie erscheint: "Postmetropolis" (London: Blackwell). Das jüngste Werk der LA School liefert in Kürze: Michael. Dear: "The Postmodern Urban Condition" (London: Blackwell). Als stets umkämpftes Resultat aktiver politischer und gewerkschaftlicher Auseinandersetzungen interpretieren Roger Keil ("Los Angeles", 1998, New York: J. Wiley) und Mike Davis ("Casino Zombies", 1999, Berlin: Schwarze Risse) den Urbanisierungsprozess in Südkalifornien. Einer industriegeographischen Perspektive verpflichtet ist: Michael Storper: "The Regional World", 1998 (The Guilfort Press). Und nein! Die LA School ist kein reines Jungeninternat. Die originellsten Beiträge liefert Jennifer Wolch, jüngst zum unterschätzten Thema animalischer (Sub) Urbanisierung: "Animal Geographies", 1998 (New York: Verso)
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