Mieterecho - Zeitung der Berliner Mietergemeinschaft

Nr. 277 - Dezember/Januar 2000

Skid Row Los Angeles: Die Utopie hat eine Hölle und die hat ein Sozialamt - von Jens Sambale

We used to do things better, because we are running out of continent here (J. Didion)

Mit einem pneumatischen Seufzer stoppt der Bus, der mich von meiner eingezäunten Studentenenklave auf der Westside der Stadt nach Koreatown zum Public Counsel bringt.

Diese privat finanzierte Anwaltskanzlei bemüht sich um die Wahrung der Rechte Obdachloser, Armer, Kinder und Einwanderer. Darunter fallen das hiesige Äquivalent zur Sozialhilfe (General Relief) und die Ausgabe von Essensmarken.

Im Unterschied zur deutschen Sozialhilfe sichert General Relief (GR) kaum das Überleben im Sinne materieller Reproduktion. Da GR lokal finanziert wird (vom Kreis oder County) hat die Gebietskörperschaft des L. A. County ein vitales Interesse an der Reduktion der Ausgaben. Das County stellt einen gut bezahlten Stab von Politologen und Juristen in der Forschungsabteilung ein, die exklusiv damit beschäftigt sind, den Bezug von GR mit strafenden Attributen zu versehen.

Public Counsel

Das Public Counsel und andere Gruppen kämpfen gegen diese Maßnahmen an. Trotz des Sisyphuscharakters dieser politischen Arbeit konnten während der vergangenen 20 Jahre Verfahrensregeln etabliert werden, die zumindest rhetorisch die Bürgerrechte Obdachloser sichern. Ich bin heute hier, um zu lernen wie ich als Laie helfen kann.

Die dramatische Wohlfahrtstaatsreform der Clinton-Administration hat u.a. Zeitgrenzen etabliert, die Empfänger sozialer Leistungen nach einer bestimmten Periode auf Lebenszeit von weiteren Zahlungen ausschließen. Einige Kategorien von Leistungsbeziehern werden in diesem Jahr dauerhaft aus dem System fallen. Daher trainiert das Public Counsel diesen Sommer über 400 Helfer, die in die Sozialhilfebüros gesendet werden, um den Klienten beizustehen.

Freiwillige

Wir sind nur eine erste Vorhut von fünf Freiwilligen. Wir - das sind: Eine Frau aus Bombay, eine Johannesburgerin, Vincent aus einer jener dramatisch wachsenden chinesischen Metropolen, die

im Westen unbekannt sind, der unvermeidbare Schauspieler aus Hollywood und ich. Unsere ethnischen Hintergründe sind so vielfältig wie die unserer Klienten, doch sind wir alle akademisch ausgebildet. Dieser Statusunterschied stellt sich als hilfreich heraus, da die Mitarbeiter der Sozialverwaltung ihre Klassendifferentiale gezielt in der Interaktion mit den Klienten einsetzen und sich diese Waffe nun gegen sie kehrt: Be a pest to them, wird uns eingeschärft, denn wir sollen nicht allein Rechtsberatung anbieten, sondern eine Strategie der Gegenüberwachung installieren, die Rechtsverletzungen dokumentiert.

Anwältin Jenny

Die Anwältin Jenny, unsere Ausbilderin, gibt uns eine vierstündige Einführung in die Praxis der Sozialverwaltung und macht uns mit den juristischen Kniffen vertraut, mittels derer wir auch scheinbar aussichtslosen Klienten ein Bett und eine Mahlzeit vermitteln können. Wir haben drei zentrale Aufgaben: Verweigerte Leistungen einzuklagen, aus Antragstellern Empfänger von Leistungen zu machen und zu verhindern, daß aus Empfängern wieder Antragsteller werden.

Jenny betont, daß es extrem wichtig ist, den Leistungsbezieherstatus zu wahren, da er der betreffenden Person juristische Rechte einräumt, die Antragstellern verwehrt bleiben. Es ist für die diskriminierten Klienten wegen der flexiblen und restriktiven Rechtslage extrem schwierig, den Schritt von der Beantragung zum Bezug von Leistungen zu bewältigen, während der umgekehrte Weg schnell vollzogen ist.

Armut

Nur ein Bruchteil der regionalen Armutsbevölkerung erfüllt alle Bedingungen und Forderungen, erhält GR und sieht sich unmittelbar mit einem Dilemma konfrontiert: GR beläuft sich gegenwärtig auf $ 221 monatlich! Erstens ist es unmöglich, mit dieser Summe in Los Angeles eine Wohnung anzumieten, zweitens muß dieser Betrag abgearbeitet werden, drittens darf man nicht mehr als 50$ Bargeld besitzen (alles andere wird von der Endsumme abgezogen). Es stehen monatlich also maximal 271$ für Unterbringung, Nahrung usw. zur Verfügung.

In den Worten eines lokalen Sozialdienstanbieters: Die Leistungsbezieher müssen eine Menge Aluminiumdosen sammeln, für die sie in Abhängigkeit von Weltmarktschwankungen 5 Cent erhalten, wenn sie an der Marktgesellschaft teilhaben wollen.

Skid Row Los Angeles: Zwischen Zufluchts- und Entsorgungsraum

Es gibt einen einzigen Raum in der Stadt, dessen Ökonomie das Überleben mit so wenig oder weniger Geld wenn nicht gewährleistet, so doch ermöglicht: Skid Row Los Angeles.

Die Skid Rows nordamerikanischer Städte waren historisch die Siedlungsgebiete Obdachloser, Tagelöhner, Außenseiter. Geographisch fand man Skid Row nahe Downtown an den Schienensträngen oder Hafenanlagen. Für den (über-)regionalen Arbeitsmarkt bot Skid Row ein schnell mobilisierbares Reservoir mobiler, männlicher Arbeitskräfte. Hobo und Tramp repräsentieren die bekanntesten sozialen Typen, aber auch hinter der Hollywoodverklärung des Cowboys verbirgt sich niemand anders als der mobile Wanderarbeiter der Weidewirtschaft. Den respektablen Bürgern der Stadt sicherte das Gebiet den Zugang zu Drogen, Alkohol und Prostitution aller Geschlechter.

Weder Slum noch Ghetto

Historisch war Skid Row weder Slum noch Ghetto. Sowohl im Slum wie im Ghetto finden sich trotz aller Deprivation Frauen, Kinder und Familien. Frauen gab es immer auf Skid Row, doch wurde ihre Anwesenheit entweder geleugnet oder stigmatisiert. Kinder, in der Regel aus Immigrantenfamilien, sind ein sehr junges und kontroverses Phänomen.

Skid Row Los Angeles unterscheidet sich von den meisten anderen nordamerikanischen Städten dadurch, daß das Gebiet erhalten geblieben ist und heute zwischen 12.000 und 15.000 Obdachlose beherbergt. Während die meisten Skid Rows und deren dominante Wohnform, das Einbettzimmer im Hotel (in den USA haben immer mehr Menschen im Hotel als im sozialen Wohnungsbau gelebt), in den 70ern und 80ern der Stadterneuerung, Tertiarisierung und Gentrifizierung zum Opfer gefallen sind, ist in Los Angeles seit den frühen 70ern auf Druck politischer Gruppen und wegen der sozialräumlichen Eigenheiten der Stadt eine Strategie der Eindämmung - so die offizielle Bezeichnung - Obdachloser unter der Bedingung der Ausweitung sozialer Dienste eingeschlagen worden.

Stichwort "Eindämmung"

Die Alternative der Vertreibung Obdachloser und ihrer Verteilung über die ganze Region lehnten die Nachbarstädte und Bezirke vehement ab. Gleichzeitig war den Investoren im angrenzenden Finanzdistrikt bewußt, daß ein spill over Obdachloser aus Skid Row in die Kommandokathedralen der pazifischen Ökonomie um jeden Preis vermieden werden muß. Mit der Einfriedungsstrategie werden unterschiedliche Erwartungen erfüllt. Die Städte des County erhalten einen Raum, in den sie ihre lokalen Obdachlosen transferieren können, der Finanzdistrikt bleibt rein und die sozialen Dienste auf Skid Row erfreuen sich eines garantierten Zuflusses an Klienten.

Die Serviceintensität dieser Dienste, wie unzureichend auch immer, gemessen am Bedarf, bildet ein weiteres Kriterium, das Skid Row L. A. von Slum und Ghetto unterscheidet; allerdings um den Preis intensiver Überwachung durch Polizei und private Sicherheitsdienste.

Soziale Dienste

Die sozialen Dienste leisten häufig exzellente und innovative Arbeit. Sie haben z.B. Tausende von Zimmern in Hotels (Single Room Occupancy, SRO) für Hunderte von Millionen Dollar saniert und stellen nun ein Reservoir bezahlbarer, winziger Einzelzimmer in sicheren Hotels mit adäquaten Service- und Gemeinschaftseinrichtungen (Küchen usw.) zur Verfügung.

Die schwindende Zahl der klassischen, privat betriebenen SRO mit lebensgefährlichen Wohnverhältnissen, unter denen nicht nur der Müll, sondern auch der mißliebige Mitbewohner aus dem Fenster entsorgt werden, bildet die allerletzte Barriere für Obdachlose und Haftentlassene vor der Straße. Dazwischen befinden sich Missionsstationen und Notunterkünfte, die einige tausend Betten (oft nur Stühle) anbieten.

Keine Notunterkünfte

Im Unterschied zur BRD bietet der lokale Staat keine einzige Notunterkunft an. Regelmäßig übernachten 2.000 Obdachlose aus unterschiedlichen Gründen auf den Straßen des Quartiers, wo sie temporäre Siedlungen aus Pappkartons formen, die ein Minimum an Schutz gewährleisten. Und das aus guten Grund. Seit den späten 70er Jahren hat es drei bizarre Serienmörder in das Gebiet gezogen, die rituell Obdachlose abschlachteten, um sie von ihrem Leid zu erlösen. Die lokale Presse berichtet nur in solchen spektakulären Ausnahmefällen über die alltägliche Gewalt, die Dank der Crack-Epidemie seit 15 Jahren eskaliert.

Skid Row L.A. - ein Kompromiß

Skid Row Los Angeles stellt einen sozialen und territorialen Kompromiß zwischen global operierender Bourgeoisie und den liberalen bis radikalen Aktivisten der Obdachlosenbevölkerung und ihrer Dienstleister dar. Es handelt sich historisch um einen Kompromiß der 70er und 80er Jahre, der die Finanzierung der Dienste an die globale Expansion des (lokalen) Kapitals der Dienstleistungsökonomie band.

Gefährdet war dieser Kompromiß weniger durch die Krise der frühen 90er Jahre als durch die gegenwärtige Expansion weltmarktorientierter Industrien in Downtown Los Angeles'. Während industrielle Produktion sich nur widerwillig in die europäische Vorstellung einer nordamerikanischen Innenstadt fügt, legt Los Angeles Zeugnis ab von der langen Geschichte industrieller Nutzungen und Arbeitskämpfe in Downtown. Die Bekleidungs-, Schmuck-,

Fisch- und Spielzeugindustrien dringen von allen Seiten in das Gebiet ein und drängen die Obdachlosen in glazialer Geschwindigkeit gen Osten: In den Los Angeles River. Die zögerlichen Strategien der Gentrifizierung in taktisch plazierten Gebäuden an der Westgrenze werden das Tempo steigern - so sie erfolgreich sind.

Gegenwärtig sind Versuche zu verzeichnen, die lokale Tradition der kleinräumlichen Konzentration um die kontinentaleuropäische Variante der institutionellen Kontrolle anzureichern, der Teile der Sozialdienstanbieter durchaus aufgeschlossen gegenüberstehen.

Auf dem Sozialamt

Jenny nimmt mich mit und erspart mir so die Qual der überfüllten und veralteten Downtownbusse, auf die die niedrigentlohnten Arbeiter jener Industrien angewiesen sind.

An der Grenze zum Künstlerdistrikt, einer totgeborenen Gentrifizierungsstrategie der 80er Jahre, erreichen wir das lokale Sozialamt. Während wir auf die anderen warten, rauche ich mit den Prostituierten (sie zapfen den mageren Geldstrom an der Quelle an) eine Zigarette und genieße die ungewohnt klare Sicht auf die innerstädtische Zitadellenarchitektur. Vor der Skyline erhebt sich ein riesiges Billboard, das den klassischen Marlborocowboy mit einer erschlafften Zigarette und der fetten Unterschrift: Impotent! zeigt. Es reicht offensichtlich nicht, sozial deklassierten Obdachlosen, eine der wenigen rauchenden Gruppen der Stadt, ihre Abhängigkeit von der Wohltätigkeit anderer täglich zu demonstrieren, man muß sie auch noch demütigen.

50 Menschen im Warterraum

Vincent erreicht den Treffpunkt als letzer und drückt auf die Hupe, weil er keinen Parkplatz findet. Damit sabotiert er unfreiwillig unser kalkuliertes Überraschungsmoment, denn nun schießt ein bewaffneter Wachmann aus dem Sozialamt (nicht mit der Waffe) und identifiziert uns sofort. Wir werden unkontrolliert durch einen Metalldetektor geschleust.

Auf den ca. 80 qm Warteraum drängen sich 50 Menschen, d.h. es ist relativ leer, da es Freitagnachmittag ist und das Amt in der Regel gegen 15 Uhr die Türen schließt. Heute nicht. Jenny erklärt warum wir hier sind und versichert, daß jeder, der Hilfe braucht, diese erhält - und zwar heute noch. Die wenigsten Anwesenden entsprechen dem gesellschaftlichen Stereotyp Obdachloser. Die Mehrzahl, nicht die Mehrheit, sind afroamerikanische Männer, es sind überraschend viele Frauen anwesend, einige weiße Jugendliche der Punkkategorie (die eher in Hollywood zu finden sind), einige Latinos und wenige Asiaten. Alte, weiße Alkoholiker, die traditionelle Skid Row Population, fehlen völlig.

Es sind die Frauen, die unser Angebot sofort annehmen; Männer brauchen wie überall auf der Welt mehr Zeit und lassen sich erst durch unsere sichtbaren Erfolge überzeugen.

Jeder von uns nimmt die Daten der Klienten auf, vermerkt auf dem Bogen das Versagen des Amtes und fordert nach Rücksprache mit Jenny das Amt zur unverzüglichen Auszahlung der Leistungen auf. Es läuft wie am Schnürchen, schließlich wollen die Angestellten Feierabend machen. Als sie merken, daß wir alle anwesenden Klienten beraten werden, wird die Stimmung gereizt. Beim ersten Anzeichen mangelnder Kooperation hangelt sich Jenny die Kommandokette hoch, bis wir die oberste Verwaltungschefin des Amtes am Schalter haben. Der Ton bleibt höflich und professionell, doch von nun an wird streng nach Verfahrensregeln und Durchführungsverordnungen entschieden.

Meine erste Klientin

Meine erste Klientin hat kein adminstratives Problem. Ich halte die junge Afroamerikanerin, die mich anspricht, wegen ihres professionellen Headsets erst für eine Journalistin (Die Mitarbeiter des Sozialamtes halten sie hingegen für eine Prostituierte).

Sie fragt, wie sie eine Demonstration gegen die tägliche Demütigung auf dem Amt organisieren kann und versichert, daß jedesmal, wenn wir das Amt betreten, sich allein durch unsere Präsenz das Verhalten der Angestellten schlagartig verbessere. OK, da kann ich ihr helfen, denke ich fälschlicherweise. Sie macht klar und deutlich, daß die Bedingung der Teilnahme an jeder Demonstration die Verhinderung der Identifizierung der obdachlosen Teilnehmer ist, da diese im Unterschied zu uns nach der Demo wieder auf das Amt müssen. Einen Moment spiele ich mit dem Gedanken, Vermummungsstrategien zu diskutieren, besinne mich aber eines besseren (das lokale Vermummungsverbot von 1922 richtete sich gegen den KuKluxKlan).

Wir diskutieren eine Weile weiter, bis Jenny zu uns stößt und ich mich dem nächsten Klienten zuwende: Steve, ein obdachloser Amerikaner asiatischer Herkunft.

Steve...

Er hat den Bescheid erhalten, daß seine Bezüge wegen mangelnder Kooperation eingestellt werden. Sein Versäumnis besteht darin, ein bestimmtes Schriftstück (CA7) nicht eingereicht zu haben. Dieses Formular muß monatlich ausgefüllt werden, und wie viele andere Obdachlosen weiß Steve, wie vital wichtig dieses Dokument ist, und schickt es daher mehrfach ein. Er zückt zwei Quittungen mit Zeitstempeln, die beweisen, daß seinerseits kein Versagen vorliegt.

Ich bringe den Bogen zum Schalter und verlange, daß der administrative Fehler unverzüglich beseitigt wird (Steve läuft akut Gefahr, seinen Status als Leistungsempfänger zu verlieren und mit Straftagen belegt zu werden). Das County und das Public Counsel haben vereinbart, daß jede Beschwerde innerhalb von zwei Stunden bearbeitet wird. Steve hat allerdings keine Zeit, da er sich um einen Job kümmern muß (eine weitere Bedingung des Leistungsbezuges). Jenny hat uns eingeschärft, die Klienten unter allen Umständen zum Bleiben zu bewegen. Aber ich habe keine Chance, als 15 Minuten später sein Name aufgerufen wird, ist Steve verschwunden (und vermutlich nicht besonders beeindruckt von mir). Er wird wiederkommen müssen, aber seine Beschwerde ist inklusive der Quittungen dokumentiert und sein Status vorerst gesichert. Ich bin trotzdem sauer, da die Angestellten des County es offensichtlich versäumt haben, sein Formular einzuscannen, so daß der zentrale Computer eine automatische Fehlermeldung an Steve sendet und ihn zum Vorsprechen ordert...

...und weitere "Fälle"

Gegen 17 Uhr verabschieden sich die anderen, während Jenny einem akut räumungsbedrohten Mann knapp 200$ aus der Countykasse besorgt, um die drohende Obdachlosigkeit abzuwenden. Das Geld wird im kommenden Monat von seiner GR abgezogen werden, aber das ist ihm gegenwärtig verständlicherweise egal.

Als wir uns zum Gehen wenden, bemerkt Jenny einen Zentralamerikaner, der von den spanischsprechenden Angestellten nur auf Englisch angesprochen wird, und einen jungen Mann, der hilflos mitten im Raum steht. Uns wird deutlich vor Augen geführt, daß unsere Interventionen immer nur begrenzt sein können. Es ist nach 19 Uhr, bis wir mit beiden ihre Rechte durchgesetzt haben - ein Bett für das Wochenende, Fahrscheine für den Bus und Essensmarken für den Monat. Der Latino erhält dank der jüngsten einwandererfeindlichen Reform nur Essensmarken.

Ich gehe rauchen und verlasse das Amt durch den Metalldetektor. Jenny und die beiden Obdachlosen folgen den Ausgangsschildern durch das massive Drehkreuz und landen gefangen in der verriegelten Ausgangsschleuse. Ich kann sie zwar hören und sehen, aber nicht helfen, da inzwischen auch die Eingangstür verschlossen ist. Es dauert über 10 Minuten, bevor die Wachmänner sie befreien.

So What?

Es sind natürlich nicht die lausig entlohnten Sicherheitskräfte und Countyangestellten, die für die Reformen des Sozialstaates verantwortlich sind, und es ist nicht so, daß sie ihren Klienten ausnahmslos feindlich gegenüber eingestellt sind, aber sie entscheiden sich aktiv für die kleinen fiesen Tricks, mittels derer sie die Geometrie der Macht demonstrieren und in denen sich ihre Angst vor den Konsequenzen sozialen Scheiterns manifestiert, mit denen sie täglich konfrontiert sind. Ihr Ermessensspielraum orientiert sich nicht an den akuten Bedürfnissen der Klienten, sondern an technischen Leistungsberechtigungsabwägungen, mittels derer die soziale Distanz gewahrt und garantiert wird.

Gewissen beruhigt?

Und wir? Können wir uns nun gut fühlen und in das kommende "Memorial Day"- Wochenende stürzen, den offiziellen Start in den Sommer, die Testosteron geschwängerte Atmosphäre der wohlhabenden Strandgemeinden genießen (oder vermeiden) und Marshmallows rösten, während wir unseren Klienten eine befristete und stets widerrufbare Überlebenschance in einer feindlichen Umwelt verschafft haben?

So wichtig solche Fragen sein mögen, es sind Berliner Fragen, Besorgnisse vom östlichen Rand der westlichen Welt, die im Kontext einer Sozialstaatstradition artikuliert werden, die den bedauerlichen Verhältnissen am westlichen Rande des Okzidents in keiner Art gerecht werden.

Solche Fragen entspringen einer rückwärtsgewandten und östlich gerichteten Fiktion: der Illusion einer mehrheitlich weisen Zukunft der westlichen Metropolen mit einem sozialen Sicherungssystem paternalistischer Prägung und staatlicher Finanzierung.

Nationale soziale Standards?

Das Beispiel Los Angeles lehrt die Notwendigkeit garantierter nationaler Standards bei der Absicherung sozialer Notlagen. Und es lehrt, daß es diese in Zukunft nicht geben wird. An ihre Stelle werden differenzierte und heterogene Bürgerrechtsregime treten, die lokal und regional im Rahmen eines kapitalistisch verfaßten Nationalstaates verhandelt werden. Die aktive Intervention in diesen Prozeß der Formation rechtlicher Standards und materieller Leistungen ist ein soziales Projekt, kein staatliches. Die kritische oder radikale Analyse staatlichen Handelns ist dabei die notwendige Voraussetzung, aber keineswegs eine hinreichende Bedingung sozialer Veränderung. Die eitle Skandalisierung lokalpolitischen Handelns dient nur der Egopflege marginaler Intellektueller.

Das redet keinem blinden Aktivismus das Wort, sondern verweist darauf, daß das Public Counsel widersprüchlich in den Kontext anderer Gruppen und Bewegungen eingebunden ist, die aktiv in das elitäre Urbanisierungsprojekt Los Angeles intervenieren. Es sind diese Mikropraxen der Globalisierung von unten, die die Perspektive der weltweiten Unausweichlichkeit des Urbanisierungsmodelles Los Angeles nicht nur erträglich, sondern auch erstrebenswert machen.

Jenny setzt mich am Bus ab. Die Straße schnurrt zielgerade nach Westen in den pazifischen Sonnenuntergang.

Dahinter kommt erst einmal lange nichts, dann Hawaii, dann lange, lange wieder nichts, und danach beginnt eine neue Welt. Folgt man dieser Route und biegt einige Breitengrade nach Norden ab, dann nähert man sich Berlin von Osten, was vermutlich der angemessene Zugang ist.

Von Osten naht der Culver City Bus, auf dessen digitaler Fahrzielanzeige blinkt: Nowhere in particular.

Ärgerlich, daß mich dieser Bus nicht mitgenommen hat, denn da wollen wir doch eigentlich alle hin, nicht wahr?

 

(Zwischenüberschriften von der Redaktion)

Zum Weiterlesen: Das beste Buch zu Skid Row Los Angeles ist immer noch: Wolch, Jennifer; Dear, Michael 1993: Malign Neglect - Homelessness in an American City. San Francisco: Jossey Bass Pubs.