|
Wie ein Filetgrundstück verschachert, Belange des Stadtteils dabei völlig ignoriert und eine Kostprobe auf künftige Stadtentwicklung freihaus geliefert werden. Wer das Gelände von etwa 1 ha Größe zwischen Spree, Cuvry- und Schlesischen Straße kennt, muß dafür sein, daß da etwas passiert. Bis vor Kurzem standen dort häßliche Lagerhallen aus den 60er Jahren auf einer komplett versiegelten Brache. Nachdem sie nun abgerissen sind, wird die beträchtliche Größe des Grundstücks so richtig deutlich. Vor allem das weite Spreeufer ruft geradezu nach einem genialen Projekt, nach Neugestaltung, die nicht zuletzt die alte Idee eines Uferwanderwegs integriert.
Was will die Immobiliengesellschaft Botag, Eigentümerin und Investorin, mit diesem Gelände? Ein kurzer Rückblick Vor sieben Jahren verkaufte das Land Berlin der Botag das Grundstück mit der vertraulichen Auflage - das Gelände war als Industriegelände ausgewiesen -, dort ein Technologiezentrum zu bauen. Bald war davon nicht mehr die Rede. Ein Shoppingcenter mit 20000 qm Verkaufsfläche - mit Baumarkt und Lebensmittelmarkt als Ankermieter - schien gewinnbringender. Darauf reagierten AnwohnerInnen, PolitikerInnen und vor allem die HändlerInnen der Eisenbahnmarkthalle mit vielstimmigem Protest. Die Botag halbierte daraufhin die geplante Verkaufsfläche, blieb aber bei ihrem Konzept eines Großeinkaufszentrums. Dann stellte sich im September 97 die Mehrheit der BezirksparlamentarierInnen von SPD und CDU bei einer BVV-Abstimmung hilfreich vor die in Bedrängnis geratene Investorin, gegen die Fraktion der Grünen. Aber die Bezirksverwaltung hatte weiterhin ein Wörtchen mitzureden - bis September letzten Jahres. Da erkannte Berlins Regierung unter der Ägide der Senatoren Kleemann und Strieder die "außergewöhnliche stadtpolitische Bedeutung" des Projekts und zog das Verfahren kurzerhand an sich. Damit nicht genug sollen mit vorgezogenem Baubeginn nun Fakten geschaffen werden, seit Monaten wird hinter den Verwaltungskulissen an der Planreife gebastelt. Auch das mit der baurechtlichen Erschließung beauftragte Büro war nicht müßig. So wurde die Umwandlung des Planungsrechts (festgesetztes Kerngebiet) erreicht, was eine Variabilität der Nutzungsmöglichkeiten eröffnet, von Gewerbe- über Büro- und Wohnflächen bis hin zu "Anlagen für Sport, Freizeit und Kultur". Unabhängig von der Realisierung des bislang verfolgten Konzepts fällt der Botag damit schon eine erhebliche Wertsteigerung des Grundstücks in die Geschäftsbilanz.
Rechtzeitig vor Ende der Legislaturperiode wollen Botag und Senat die Planungen zügig abschließen - Jetzt geht es um die Wurst! Noch ist kein Spatenstich getan und noch besteht die Chance, erneut die öffentliche Debatte über das geplante "Center" zu entfachen. Wir haben uns die jüngsten Pläne angesehen- Die reine Verkaufsfläche wurde noch ein bißchen reduziert, hie und da ein paar Quadratmeter geopfert, aber in seiner Gänze blieb das Projekt unverändert: Ein 8stöckiger Betonriegel soll von der Schlesischen Straße bis zu einem als Feuerwehrzufahrt genutzten schmalen Streifen am Spreeufer errichtet werden, architektonisch eine recht bornierte Version von "überragender Bedeutung" eines Gebäudes. Weil der vertragliche Hauptmieter für den Verkaufsbereich, Lidl & Schwarz, vor allem auf Autokunden abstellt, werden diese wie von ungefähr fürstlich berücksichtigt. Auf drei mittleren Stockwerken sind Stellplätze für 525 Autos vorgesehen. Darunter befinden sich die 9000 qm SB-Warenhaus und Fachmärkte, obendrüber und in einem Block zur Spree hin sollen sich Wohn-, Büro- und Freizeitnutzungen gruppieren (insgesamt 39000 qm Geschoßfläche und 14000 qm Parkdecks). Vergeblich sucht man im Bebauungsplan, daß die gewachsenen Strukturen des Kiezes, sowie die Entwicklungen der angrenzenden Bezirke eine Rolle spielen. Scheinheilig wird auf die Beachtung von Umweltbelangen in bezug auf die Luftreinhaltung von Gewerbeimmisionen verwiesen, ohne der ökologischen Hauptbelastung aufgrund des jetzigen und erst recht des zukünftigen Verkehrsaufkommens Rechnung zu tragen. Den Einzelhandel des Stadtteils wird es auch bitter treffen. Während von einer wichtigen Verbesserung der Einkaufsmöglichkeiten für die angeblich unterversorgte Bevölkerung schwadroniert wird, entstehen im Radius von 1 km gleich zwei leistungsfähige Einkaufszentren, die dem örtlichen Einzelhandel auch einzeln zu schaffen machen. Die aufgeschreckten Betreiber der unweit gelegenen Eisenbahnmarkthalle mit bescheidenen 3800 qm Fläche haben sich daher zu gerichtlichen Schritten entschlossen, wie übrigens auch Eigentümer eines Hauses in der Cuvrystraße, die die Wertminderung ihrer Immobilie fürchten.
Gibt es Rettung vor planerischer Unfähigkeit und Phantasielosigkeit? Das Herbeizwingen eines Großprojekts, welches am lokalen Bedarf und Potential vorbeiplant, ist eine gezielte Kampfansage an die Menschen vor Ort, wo infolge wachsender gesellschaftlicher Perspektivlosigkeit vielen eine sozioökonomische Deklassierung und Entwurzelung droht. Statt sozialverträglichen Konzepten mit Pfiff und Zukunft wird dem Bezirk ein umweltbelastender Ladenhüter, möglicherweise auch bloß eine Investruine beschert. Nach den Sommerferien wollen wir eine Ausstellung mit Vorschlägen aus dem Kiez zur Gestaltung und Nutzung des Cuvry-Grundstücks organisieren. Bitte achten Sie auf entsprechende Hinweise in den Medien. Übrigens: Weitere Mitarbeit und Ideen für Alternativen sind hochwillkommen. (Kontakt: Günter Rohleder 611 8104).
Für die Anwohnerinitiative CuvryStraße Günter Rohleder/ Ingrid Koschmieder
|