MieterEcho
Nr. 275 - August/September 1999

Welchen Markt spiegelt der Mietspiegel?

 

von Chaim Reich

1877 als es noch längst keine Wohnungspolitik aber dafür um so mehr Wohnungsnot gab, belehrte Meyers Konversationslexikon die gebildeten Stände - andere konnten sich das aufwendige Werk gar nicht leisten -:
"Schließlich versteht man unter Markt auch die ideale Gemeinschaft aller Menschen, vermöge deren dieselben berufen sind, ihre Leistungen gegeneinander auszutauschen; unter der Lage des Marktes versteht man das Verhältnis, in welchem sich jeweils Angebot und Nachfrage zueinander befinden."
Der über 100 Jahre später erschienenen, viel preiswerteren Taschenbuchausgabe ist Differenziertes zu entnehmen:
"Marktpreis, in der klass. Nationalökonomie der sich kurzfristig aus Angebot und Nachfrage ergebende Preis im Ggs. zum natürlichen Preis, der als langfristiger Gleichgewichtspreis bei vollständiger Konkurrenz gerade die Produktionskosten deckt. Langfristig tendiert der Marktpreis immer zum natürlichen Preis."
Den "langfristigen Gleichgewichtspreis" hätte Marx schon vor 1877 als Kostpreis plus Durchschnittsprofitrate interpretiert, ihn Marktwert genannt, und zum Verhältnis von Marktwert und Marktpreis gesagt: "Wenn ... Nachfrage und Zufuhr den Marktpreis regulieren oder vielmehr die Abweichungen der Marktpreise vom Marktwert, so reguliert andrerseits der Marktwert das Verhältnis von Nachfrage und Zufuhr oder das Zentrum, um das die Schwankungen der Nachfrage und Zufuhr die Marktpreise oszillieren machen" (MEW, 25,190).
Mit all dem soll zum Ausdruck gebracht werden: Ökonomie ist immer gut und politische noch viel besser. Deshalb wenden wir sie auch gleich an.

Doch zuvor zwei Anmerkungen:

  1. Obgleich es sich bei der Mietwohnung eigentlich um "Leihkapital in Warenform" handelt, tun wir so, als sei sie eine "Ware" und die Miete ihr "Preis".
  2. Wir stützen uns auf die Angaben des statistischen Landesamtes. Die Daten für 1998 liegen noch nicht vor. Stichtag für die Mietspiegelerhebung war der 1.8.98. Die von uns verwandten

Vergleichsreihen von 95 bis 97 drücken die Tendenz für die 8 Monate spätere Erhebung mehr als ausreichend genau aus.

Marktwert

Der Marktwert der Wohnungen ist wesentlich bestimmt durch die Baukosten. Ihre Entwicklung bildet das Fundament für die Mietpreisentwicklung.


Preisindex für den Neubau von 1995 1996 1997
Meßzahl 1991=100
Wohngebäuden 119,7 120,0 118,7
Einfamiliengebäuden 120,4 120,7 119,3
Mehrfamiliengebäuden 119,5 119,9 118,7
gemischt genutzten Gebäuden 118,6 118,7 117,5
Nichtwohngebäuden gewerblichen
Betriebsgebäuden 117,1 117,6 116,9
Bürogebäuden 118,0 119,1 118,4

Die zwischen 1991 und 1995 recht erheblich angestiegenen Baukosten sind insbesondere zwischen 1996 und 97 wieder gesunken. Baukosten sind das eine, weil aber in dem ganzen Gewerbe mit Fremdfinanzierungen gearbeitet wird, sind die Zinsen das andere. Während der von uns betrachteten Phase waren sämtliche Zinsen rückläufig, der Basiszinssatz ist von 3 auf 2,5% gesunken.
Sinkende Baukosten und Zinsen verringern den Marktwert der Wohnungen. Mit einer gewissen Anstandsfrist müßten die Mieten dieser Entwicklung folgen. Es sei denn, siehe Einleitung: Angebot und Nachfrage führten zu einer Verknappung und bewirkten dadurch höhere Marktpreise.

Angebot
Die beachtliche und steigende Zahl von Wohnungsfertigstellungen bietet nur einen Hinweis auf das Angebot. Es könnte durch Abrisse - man nennt das heutzutage Rückbau - sogar verringert worden sein. Auskunft kann uns also nur der Vergleich zur Statistik über den tatsächlichen Bestand geben.


Berlin-Ost Baufertigstellungen 1) 1995 1996 1997
Wohnungen insgesamt 7 622 15 143 23 808
mit ... Räumen 2)
1 43 296 342
2 - 29 640 1085
3 2 860 5 440 9 367
4 2 618 5 519 8 423
5 und mehr 2 130 3 248 4 591
Wohnfläche
je Wohnung
(Neubau in m2) 80 76 75

1) einschließlich Baumaßnahmen an bestehenden Gebäuden
2) Negative Werte resultieren aus Wohnungszusammenlegungen im Zuge von Baumaßnahmen an bestehenden Gebäuden.


Gebäude- und Wohnungsbestand
1995 1996 1997
Wohngebäude
(in 1000) 95 98 102
Wohnungen
(in 1000) 648 662 686
mit ... Räumen
(in %)
1 0,3 0,4 0,4
2 15,7 15,4 15,0
3 35,5 35,5 35,6
4 32,9 33,0 33,1
5 und mehr 15,6 15,7 15,9
Wohnfläche je
Wohnung (in m2) 64 64 65

Diese Statistik belehrt uns, daß zwischen 1995 und 1997 mehr als 46.000 Wohnungen gebaut worden sind und sich dadurch der Bestand um ca. 38.000 Wohnungen, bzw. um fast 6% erhöht hat.

Nachfrage
Selbst ein vergrößertes Angebot kann in seiner preismildernden Wirkung durch eine entsprechend vergrößerte Nachfrage mehr als kompensiert werden. Zwar betrachteten wir nur die Wohnungen im Bereich des neuen Mietspiegels, doch nachgefragt werden sie schon längst von allen Berlinern. Deshalb beschränken wir uns nicht auf die Ostberliner Bevölkerungsentwicklung.

Berlin verliert Bevölkerung. Das ist eine Tatsache. Wenn auch die im Hause Strieder und anderswo bei den Befürwortern des Wohneigentums so gern zur Rechtfertigung der Eigentumsförderung benutzte Interpretation, daß die Besserverdienenden mangels Eigentumerwerbsmöglichkeiten ins Umland abwandern - und das muß auch an dieser Stelle wieder einmal gesagt werden - nicht nur zweifelhaft sondern nachgerade lächerlich ist.


Wanderungen über die Grenze Berlins
1995 1996 1997
Zuzüge 123 336 117 365 112 609
darunter
Ausländer 72 793 66 107 57 181
Fortzüge 113 330 121 826 139 535
darunter
Ausländer 46 591 48 998 54 639
Wanderungssaldo 10 006 - 4 461 -26 926

Zwischen 1995 und 1997 sind per Saldo über 20.000 Berliner mehr aus dieser Stadt fortgezogen als Auswärtige hinzukamen.
Das trägt zur Veränderung der Bevölkerungszahl wie folgt bei:


Einwohner 1995 1996 1997
insgesamt
(in 1000) 3 471 3 459 3 426
darunter
weiblich (in %) 51,8 51,6 51,6
Ausländer
(in 1000) 425 435 433
darunter
weiblich (in %) 45,0 44,9 45,1

Die Bevölkerung hat sich in den Jahren, die dem neuen Mietspiegel vorausgingen - und diese Tendenz setzt sich 98 fort - um ca. 45.000 Personen, das sind fast 11/2 % der Bevölkerung verringert.

Kaufkraft
Man könnte auf die Idee kommen, daß die Kaufkraft, d. h. der Verdienst, der "Restberliner" so stark gestiegen sei, daß die gesamte bisher angedeutete Marktentwicklung eine gänzlich andere Richtung nehmen könnte. Wir schauen uns deshalb die "Verdienste" an.

			1995 	1996 	1997
Arbeiter im
produzierenden Gewerbe
Bruttomonats-
verdienste 3 660 3 891 4 037
männliche
Arbeiter 3 755 3 994 4 111
weibliche
Arbeiter 2 823 3 029 3 314
Angestellte im
produzierenden Gewerbe
und Handel
Bruttomonats-
verdienste 4 645 4 818 5 053
männliche
Angestellte 5 269 5 530 5 750
weibliche
Angestellte 4 027 4 152 4 368

Offenbar wird die Vermutung, die Löhne und Gehälter seien in den betrachteten 3 Jahren erkennbar gestiegen und davon würde die Nachfrage nicht unbeeinflußt bleiben, bestätigt. Doch dem muß leider entgegenhalten lassen, daß damit die Einkommen der Haushalte noch längst nicht gestiegen sind. Wir haben zwar noch immer nominale Einkommenssteigerungen der Erwerbstätigen, aber ihre Zahl nimmt, wie wir der folgenden Tabelle entnehmen können, immer mehr ab.


Berlin-Ost 1995 1996 1997
Erwerbstätige
im Inland
(in 1000) 495,5 476,2 454,4
Selbständige
und mithelfende
Familien-
angehörige 49,4 50,9 51,0
Arbeitnehmer 446,1 425,3 403,4
Erwerbstätige im
produzierenden
Gewerbe 127,6 117,4 107,8
darunter
Arbeitnehmer 119,3 108,5 99,2
in Handel
und Verkehr 90,1 84,3 78,2
darunter
Arbeitnehmer 79,0 73,7 68,0
in Dienst-
leistungs-
unternehmen 139,8 141,7 144,7
darunter
Arbeitnehmer 110,0 110,4 112,6
in Staat,
privaten Haus-
halten und
Organisationen
ohne Erwerbs-
zweck 135,1 130,1 121,4


Resümee
Der Marktwert der Wohnungen hat sich durch sinkende Produktionskosten und sinkende Zinsen in den letzten Jahren deutlich verringert. Die für den Marktpreis bestimmenden Faktoren: Angebot und Nachfrage haben sich wie folgt entwickelt: Das Angebot ist um mindestens 6% gestiegen die Nachfrage hat sich um 1,5% verringert. Die Kaufkraft der Nachfragenden, d.h. die Gesamtmasse der in den Mieterhaushalten verfügbaren Mittel, ist weiter gesunken. Mit diesen Erkenntnissen und in vollem Vertrauen auf die uns von parlamentarisch rechts bis parlamentarisch links angepriesene regulierende Wirkung des Marktes bewaffnet, wenden wir uns nun dem Mietspiegel Ost zu.

Der aktuelle Mietspiegel Ost

Ein Vergleich zwischen diesem und dem letzen Mietspiegel ergibt längst nicht das nach den obigen Betrachtungen zu erwartende Bild durchgängiger, wenn auch in den verschiedenen Segmenten unterschiedlicher Mietsenkungen. In den Feldern der Tabelle sind die Mittelwerte des Mietspiegels von 1999 oben, die 97er Zahlen unten und die Differenzen rechts daneben angeordnet. Siehe nebenstehende Tabellen.
Läßt man all die ungesicherten, weil auf zu geringem Datenmaterial beruhenden Ergebnisse (nicht farbig unterlegt) außer Betracht, dann erkennt man, daß im wesentlichen nur die Wohnungen bis 1918 mit gemischtem Standard, d.h. entweder Bad oder Sammelheizung, billiger geworden sind (grau). In diesem Segment hat sich die Miete tatsächlich um ca. 4% verringert.
In allen anderen Segmenten sind die Mieten dagegen grundsätzlich gestiegen (rosa). Besonders die zwischen 1973 und 1990 erbauten Wohnungen, das sind die Plattenbauten, bieten ein einheitliches Bild, Sie wurden um ca. 10% teurer.
Preiszuwachs Neubau

Schlußfolgerungen
Sämtliche Daten des Wohnungsmarktes lassen eine durchgängige Senkung der Mietpreise erwarten. Doch genau das Gegenteil ist der Fall. Der Anteil der Mieten am Reproduktionsfonds der zur Miete wohnenden Arbeiter und Angestellten ist weiter gestiegen. Nur im unsanierten Altbaubestand, dort wo demnächst aufwendige Sanierungen, Modernisierungen und die Umwandlung in Eigentumswohnungen zu erwarten sind, zeigen sich die Wirkungen einer scheinbaren Entspannung des Wohnungsmarktes. Der Wohnungsmarkt dürfte aus Mietersicht hier allerdings nur kurzfristig von den Renditelockerungen des Immobilienmarktes profitieren, weil die sinkenden Immobilienpreise für Altbauten all die Umwandler à la Jahn und Co auf den Plan rufen, die, ihr Profitziel fest in den Augen, die verringerten Preise der Objekte zu exorbitanter Wertsteigerung durch Umwandlung etc. nutzen.
Die Wohnungsbaugesellschaften hingegen - inzwischen alle solide von marktwirtschaftlich versierten Führungskräften gemanagt - haben es verstanden, die Mieten trotz aller für sie widrigen Einflüsse des Marktes kräftig zu steigern.
Wer angesichts dieser Entwicklungen noch immer auf Marktkräfte vertraut, muß ein spezielles Interesse damit verbinden. Womöglich verdankt er ihnen selbst das eine oder andere kleine Profitchen. Alle anderen werden sich, vor allem wenn sie Mieter sind, der Einsicht kaum verschließen können: Zum Teufel mit der Marktwirtschaft, die Mietpreisbindung muß wieder her.

 

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