MieterEcho
Nr. 273 - April/Mai 1999

Der alte und der neue Jahn

 

Im MieterEcho 270 hatten wir über die Fa. Jahn und ihre Art der Grundstücksverwertung berichtet. Reaktionen von Mietern waren zahlreich. Das sei richtig getroffen, meinten diejenigen, die mit Herrn Jahn Erfahrung machen mußten, und warum wir nicht schon viel früher darüber geschrieben hätten. Und was man tun könne und dergleichen mehr, wurden wir gefragt.

Herr Jahn, der auch zu den Anrufern gehörte, sah das nicht so. "Seine" Mieter seien alle sehr zufrieden. Er verstünde sein Handwerk, liefere ordentliche Arbeit, ganz im Gegensatz zu uns, die wir nicht einmal richtig recherchieren könnten, denn in der (von uns erwähnten) Hufelandstr. sei er gar nicht zugange. Und daran könne man doch sehen, wie sehr man ihm Unrecht getan habe.
Weil wir uns als positive, konstruktive AG verstehen, haben wir seine Worte beherzigt und wirklich festgestellt, daß wir uns seiner nicht mit der bejahenden Grundeinstellung angenommen haben, die er eigentlich verdient hätte. Wir bekennen: Ja, wir haben dem Herrn Jahn Unrecht getan. So schlimm, wie er einmal war, ist er längst nicht mehr, und verglichen mit seiner früheren Praxis ist er fast auf dem Wege zu einem echten Menschenfreund. Das soll – als Buße gewissermaßen – am Beispiel der Bödikerstr. deutlich werden. Auch wenn die Highlights dieser Geschichte seinerzeit bereits hinreichend die Öffentlichkeit erfreut haben.

Damit die Sache an Authentizität gewinnt, zitieren wir weitgehend aus dem Erfahrungsbericht der betroffenen Mieter. Sie haben ihn überschrieben "Ein Verwalter sieht rot". Keine Bange, es geht alles gut aus. Die Mieter bewohnen "ihre" Wohnungen noch immer. Herr Jahn allerdings hat sich verabschiedet.

Aus dem Erfahrungsbericht "Ein Verwalter sieht rot"

"1995 ging (nach Verkauf der Bödikerstr. 9 und 10 an eine GbR) die Verwaltung auf die Fa. Jahn Immobilien über. Die neue Hausverwaltung entwickelte großen Eifer, um mietsteigernde Modernisierungsmaßnahmen durchzuführen. Doch dagegen konnten sich die Mieter – zumindest des Hinterhauses – erfolgreich wehren. "(sic !!!)" Um so auffallender war die Ignoranz der Hausverwaltung ihren Sorgfaltspflichten gegenüber.

Die Mieter forderten von der Hausverwaltung - meist vergeblich - die Beseitigung von Mängeln wie z.B.: Müllberge im Hof, Geruchsbelästigung durch eine verwahrloste Toilette, Ratten im Hof und Keller. Der Postbote bekam wochenlang keinen Schlüssel ausgehändigt, weshalb die Post nicht zugestellt werden konnte. Im Winter dauerte es fast zwei Monate, bis eine defekte Wasserleitung repariert wurde, wodurch ein Teil der Mieter im Hinterhaus kein Wasser in Küche und Toilette hatte...

Als die MieterInnen daraufhin mit Mietminderungen reagierten, fühlte sich der Hausverwalter Jahn offenbar persönlich angegriffen. Sein Ton den MieterInnen gegenüber wurde rüder - wie auch sein Verhalten, das von nun an davon bestimmt war, die unbequemen MieterInnen loszuwerden. In der Verfolgung dieses Ziels kannte er kein Halten mehr:

  • Am 25.8.1995 drang der Verwalter Jahn in eine Wohnung des Hinterhauses ein. Dort schlief gerade eine Frau, die zu Besuch war. Er zwang sie aufzustehen und forderte sie auf, sich ihm gegenüber auszuweisen und die Wohnung zu verlassen. Die Frau verließ die Wohnung und rief um Hilfe. Eine der Personen, die ihr dann zu Hilfe eilten, wurde von ihm tätlich angegriffen.

  • Dieses Szenario wiederholte sich am 2.11. desselben Jahres. Zu seiner Rechtfertigung ließ er am 9.11. den Mietern ein groteskes
    Schreiben zukommen.
    Eine Kostprobe: "Wir weisen Sie eindringlich darauf hin, daß von uns keinerlei illegale Bewohner "(sic!)" im Hause geduldet werden. Des weiteren werden alle Mieter, die solchen Personen Unterkunft oder gar eine Wohnung überlassen, konsequent gekündigt und als ‘unerwünschte Personen’ erklärt." Der Verwalter Jahn scheint, wie sich mittlerweile gezeigt hat, in der Tat in diesem Stil zu denken. In mehreren Äußerungen den Mieter gegenüber sprach er von ‘illegalen Mietern’, was immer das sein mag.

  • Am 28.3.1996 zwang er jemanden..."

Nein, wir steigen hier aus dem Bericht der Hausgemeinschaft aus und lassen die Mieterin selbst zu Worte kommen. Wir zitieren aus ihrem Strafantrag gegen Herrn Andreas Jahn:

Aus einem Strafantrag gegen Herrn Jahn

"Am 28.3.96 verschaffte sich Herr Andreas Jahn... unberechtigt Zugang zu der von mir angemieteten Wohnung in diesem Hause. Ein Bekannter von mir, Gunnar Borg* (schwedische Anschrift), brachte zusammen mit einem Freund von ihm in meinem Auftrag Möbel in die Wohnung. Gerade zu dem Zeitpunkt, als sie damit fertig waren, erschien der Herr Jahn mit einer anderen Person. Er nötigte den Herrn Borg, sich auszuweisen, den Wohnungsschlüssel herauszugeben und die Möbel wieder abzutransportieren, mit der Begründung "Hier zieht niemand ein!". Herr Borg, der Schwede ist und die deutsche Sprache nicht versteht, fühlte sich derart bedroht, daß er dem Herrn Jahn den Schlüssel aushändigte und die Möbel wieder abtransportierte. Danach ließ der Herr Jahn das Schloß auswechseln, was ich am selben
Abend feststellte, als ich in die Wohnung wollte. Ich fand ein Schreiben an die Tür geheftet, des Inhalts, daß der Schlüssel sich in der Hausverwaltung befinde. Ich ließ das Schloß wieder wechseln. Am 15.4.1996 wurde meine Wohnung erneut aufgebrochen. Wieder fand ich einen Zettel, daß ich mir den Schlüssel in der Verwaltung abholen könne, unterzeichnet von Frau Sabine Crasselt, Geschäftsführerin der Hausverwaltung A. Jahn."

Damit war eine neue Stufe der Auseinandersetzungen, aber noch längst nicht deren Höhepunkt erreicht. Die kann man unschwer dem nächsten Strafantrag - und zwar gegen einen Herrn X.Y. - entnehmen:

Aus einem weiteren Strafantrag
"Am 6.5.1996 befand sich Herr X.Y. in Begleitung von vier anderen Personen auf dem Treppenabsatz vor seiner Wohnung im 2. Stock. Ich hatte gerade meine Wohnung verlassen, als ich durch lautes Stimmengewirr von oben aufmerksam wurde. Da in der Zeit vorher mehrmals hier im Hause eingebrochen wurde, ging ich die Treppe hinauf, um nachzusehen.
Während ich die Stufen hinauf auf die Gruppe zuging, spielte Herr X.Y. demonstrativ mit seinem ausfahrbaren Messer, indem er die Klinge in nervöser Folge hin und her springen ließ. Als ich den Treppenabsatz erreichte, hielt Herr X.Y. sein Messer gegen mich gerichtet und wenige Zentimeter von meinem Bauch entfernt. Seine ausschließlich männlichen Begleiter hatten sich inzwischen um uns herumgruppiert.
l Herr X.Y. bekundete in einem sehr lauten, schroffen Ton, daß er jetzt hier wohnen werde. Mit einem Hinweis auf sein immer noch auf mich gerichtetes Messer sagte er dann, wir würden Ärger bekommen, wenn dies weiterhin geschehe. Ich habe mich nach diesem Vorfall so eingeschüchtert gefühlt, daß ich mich erst einmal zurückzog."

Herr X.Y. hatte sich seinem Nachbarn zunächst einmal nur vorgestellt. Bei seinem Einzug gab er eine weitere Probe seiner Fähigkeiten - und zwar gegenüber dem Besucher eines anderen Mieters. Dem entsprechenden Strafantrag ist zu entnehmen:

Und noch ein Strafantrag!

"Am 13.5.1996 besuchte ich Herrn Ewald Nickel. Gegen 16.30 Uhr verließ Herr Nickel die Wohnung, um einige Besorgungen zu machen. Ich blieb derweil in der Wohnung, um auf seine Rückkehr zu warten.
Ungefähr zur gleichen zeit zog ein neuer Mieter in eine Wohnung im zweiten Stock ein, eben jener X.Y., vier weitere Personen (drei Männer und eine Frau) halfen ihm. Ich bot ihnen meine Hilfe an und half ihnen, ein Sofa hochzutragen.
Einige Minuten später, ich war wieder in die Wohnung des Herrn Köppel gegangen, läutete es an der Tür. Ich öffnete: vor der Tür stand Herr X.Y. mit zwei der anderen Männer. Er hielt mir ein Funktelefon hin und sagte, daß jemand mit mir reden wolle. Ich nahm das Handy, eine männliche Stimme sagte in aggressivem Ton: "Sie wohnen ohne meine Genehmigung hier! Sie müssen sofort raus! Aber sofort!" Ich antwortete nicht, sondern gab das Handy zurück. Daraufhin sagte X.Y.: "Du mußt gehen. Wir sind Freunde von dem Mann." Einer der beiden anderen fügte noch hinzu: "Wir sind Freunde von der Hausverwaltung." Ich schloß die Tür.
Nach fünf Minuten schlug jemand kräftig gegen die Tür und rief: "Mach auf, sonst machen wir die Tür kaputt!" Gleichzeitig stiegen zwei der Männer, die mit Herrn X.Y. gekommen waren, auf das am Haus aufgestellte Gerüst und riefen ebenfalls: "Mach auf!" Ich verhielt mich ruhig, ich traute mich weder Fenster noch Tür zu öffnen. Nach einigen Minuten hörte das Klopfen auf und die fünf Personen, die vier Männer und die Frau, verließen das Haus.
Ich öffnete ein Fenster, um mich zu vergewissern, ob sie auch wirklich gegangenwaren. Sie hielten sich noch im Hof auf und riefen zu mir hinauf: "Du Arschloch, wir kriegen dich. Wir kommen wieder."

Wir überspringen die verschiedenen Strafanzeigen wegen Einbruchs in den Keller, Diebstahls eines Fahrrades usw. und kehren zu dem Bericht der Mieter zurück:

Weiter im Erfahrungsbericht der Mieter

"Diese neue Situation, in der den MieterInnen des Hinterhauses nicht nur mit Kündigung, sondern mit Körperverletzung gedroht wurde, konnte nicht mehr einfach mit Protestbriefen beantwortet werden. Die MieterInnen setzten sich zusammen und beschlossen, sich gemeinsam zu wehren. Die Eigentümer des Hauses wurden schriftlich, am 14.5., über die Vorgänge in Kenntnis gesetzt, verbunden mit der Bitte, die Hausverwaltung zu wechseln.(...) Weiterhin wurde beschlossen, gerichtlich gegen den Verwalter vorzugehen.

Am Morgen des 15.5. gegen 5.00 Uhr klingelte es an der Tür eines Mieters des Hinterhauses. Vor der Tür standen zwei Männer, die sich als Kripobeamte auswiesen. Sie fragten nach der Wohnung des neuen Mieters (Herr X.Y.) und gaben zu verstehen, daß er Opfer einer Straftat geworden sei. Die Zeitungen berichteten am nächsten Tag, daß er erschossen worden ist. Dabei soll es sich um eine Auseinandersetzung im Drogenmilieu gehandelt haben.

Obwohl danach erst einmal Ruhe im Hinterhaus einkehrte, glauben die MieterInnen nicht, daß diese Geschichte beendet ist. Erst die Ablösung der Hausverwaltung scheint die Chance einer endgültigen Beilegung dieser Eskalation zu bieten.

Für die MieterInnen jedenfalls ist klar, daß sie sich auch durch solche Methoden nicht vertreiben lassen."

Damit endet der Bericht, und eigentlich auch die Geschichte, denn die Mieter sind heute noch in dem Haus, aber nicht mehr Herr Jahn.
Nur als kleinen Nachtrag: Die Mieter ermittelten auf eigene Faust, und es gelang ihnen, den Kontoauszug der Wohnung in Moabit zu bekommen, die Herr X.Y. niemals gekündigt hatte und die auch nach seinem Tode bis zu einem Mietrückstand von über sechstausend DM auf seinen Namen vermietet blieb.

Der neue Jahn

Haben wir nicht Recht, wenn wir den alten Jahn, wie er sich in der Bödikerstr. zeigte, durch einen neuen abgelöst sehen? Herr Jahn hat gelernt. Das Ergebnis, das er in der Bödikerstr. nicht erreichte, die Vertreibung der Mieter, geschieht - verglichen mit dem damaligen Vorgehen - heutzutage auf fast humane Weise.

Allerdings auch häufig wesentlich erfolgreicher. Die Einschüchterung ist subtiler und darum wirkungsvoller. Die Nerven der Mieter werden erst strapaziert und danach durch Entschuldigungen entspannt. Wo gehobelt wird, fallen Späne, und dazu gehören Schäden an Autos und Fahrrädern. Wobei man ganz sicherlich nicht auf den Urheber schließen kann, wenn es ganz zufällig gehäuft in den von Herrn Jahn modernisierten Häusern passiert. Schließlich bleiben als letztes Mittel noch die Versprechungen. Die Versprechung einer Umsetzwohnung, einer kleinen Abfindung und eines kleinen Beitrages zu den Umzugskosten.

Eine Reihe von Mietern hat mit uns Kontakt aufgenommen. Viele von ihnen waren die letzten Bewohner in ihren Häusern. Sie bedauerten die der Unkenntnis geschuldete, mangelnde Solidarität unter den Mietern. Damit es nicht überall soweit kommt, laden wir alle Betroffenen zu einem ersten Erfahrungsaustausch am
Donnerstag, 17. Juni,
um 19 Uhr, in den
Kiezladen Dunckerstraße 14, ein.

AG UMWANDLUNG

* Der Name wurde von uns geändert.

 

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