MieterEcho
Nr. 273 - April/Mai 1999

Bei anderen gelesen: Eine eigentümliche Ideologie

 

von Roland Simpel

In Ergänzung zum Thema Mieterstadt, das auf den vorangegangenen Seiten behandelt wurde, greifen wir einen kritischen Beitrag zum Wohneigentum aus der MieterZeitung 5/98 (Oktober) auf.

Der Autor stellt eingangs fest, daß Deutschland einen Kult um das Wohneigentum treibt, obwohl es kaum wünschenswert sein könne, daß massenweise Mieter Immobilien kaufen. Er zitiert Eduard Oswald, den letzten Bauminister der abgewählten Kohl-Regierung, der das gleiche verkündet hatte wie alle seine Vorgänger: „In Sachen Wohneigentum hinkt Deutschland noch immer hinter den Nachbarn her. Ich bin aber sicher, daß wir die positive Entwicklung bei der Eigentumsquote weiter beschleunigen können“.

Roland Simpel spießt dann auf, was Oswald nicht für erklärungsbedürftig hielt, so wenig wie alle Bauminister vor ihm, nämlich:

Wieso eigentlich ist Wohneigentum grundsätzlich positiv? Und wieso muß der Staat seine weitere Verbreitung fördern?

Nach der Anmerkung, daß solche Fragen seit der Zeit kaum diskutiert werden, in der Konrad Adenauer das Eigenheim zum "Bollwerk gegen den Bolschewismus“ erklärte, kommt der Autor wie folgt zur Sache:

Ist Wohneigentum grundsätzlich positiv?
Vordergründig gibt es ein starkes Argument für eine eigentumsfreundliche Politik: In Umfragen wollen mal 70, mal gar 85 Prozent aller Bürger ein eigenes Heim.

Aber ähnliche Werte kämen heraus, würde der Wunsch nach einem Mercedes oder einem jährlichen Trip auf die Malediven erkundet - ohne daß sich der Staat bemüßigt fühlen würde, dies politisch zu fördern.

Zweites Argument pro Wohneigentum: Es mache vermögend und damit unabhängig.

Aber für viele Jahre ist ein verschuldeter Käufer noch mehr als ein Mieter abhängig von regelmäßigem Gehaltsfluß und damit von seiner Firma, den Geschicken der Konjunktur und anderen ökonomischen Launen. Verdient ein Mieter einmal weniger, kann er zur Not umziehen. Fehlt aber dem Hausbauer plötzlich Einkommen, dann ist er gefesselt: Entweder er verkauft rasch, dann bleibt er auf einem Schuldenberg sitzen, wenn die Immobilienpreise seit dem Erwerb gefallen sind (wie in den letzten Jahren). Außerdem verlangt die Bank immense Entschädigungen für einen vorzeitig zurückgezahlten Kredit. Wer nicht verkaufen kann und die Entschädigung nicht aufbringt, dem drohen Zwangsversteigerung, oft Obdachlosigkeit und Schulden für viele Jahre.

Und die vielgerühmte Bedeutung der Immobilie für die Altersvorsorge?

Ein wackliges Argument. Denn ein Mieter kann über viele Jahre mehr Geld sparen. Und Immobilien garantieren keineswegs die höchste Wertsteigerung. Schon in der jüngsten Vergangenheit war die Wertentwicklung nicht berauschend. Nach einer Analyse des Instituts Bul-wien und Partner GmbH stiegen die Preise für gute Münchener Eigentumswohnungen von 1985 bis 1997 nur um 40 Prozent. Die Aktienkurse kletterten in der gleichen Zeit im Schnitt um 300 bis 400 Prozent. Und wohin würden zum Beispiel die Preise von mittelschwäbischen Eigenheimen fallen, wenn es der Auto- und Elektroindustrie um Stuttgart einmal so geht wie heute der Stahlbranche an der Ruhr?

Oft heißt es auch, Wohneigentum fördere Heimatgefühl und Verwurzelung.

Doch wozu soll das gut sein, wenn andererseits die Bürger immer wieder zu höherer Mobilität aufgerufen werden, zum Umzug von Ostfriesland nach Schwaben oder von Bonn nach Berlin, wenn es nur der Behebung von Strukturproblemen dient?

Viel Wohneigentum = hoher Lebensstandard?
Schließlich das häufigste, aber auch albernste Argument, das bei uns pro Eigentum angeführt wird: In Deutschland wohnen nur 40 Prozent der Haushalte im eigenen Heim, in allen anderen EU-Ländern mehr – womit Deutschland nach Minister Oswalds Worten "hinterher hinkt“.

Das suggeriert: Der Fortschritt führt von der Miete zum Eigentum; Hauskauf ist eine Art olympische Disziplin, doch noch viel wichtiger für das Wohlergehen der Nation als Goldmedaillen.

Doch betrachtet man die Statistik, löst sich der Zusammenhang zwischen Eigentumsquote und Wohlstand auf: Die höchsten Eigentümer-Anteile in der EU haben Irland mit 81 Prozent, Spanien mit 78 Prozent und Griechenland mit 77 Prozent – Länder allesamt, die noch deutliche Spuren von Agrargesellschaften haben. Ihren Lebensstandard will kein Deutscher – und ihre durchschnittlichen Wohnverhältnisse auch nicht. Einen Großteil des Wohneigentums bestreiten Bauernkaten und billige Vorstadt-Apartments, nicht die Eigenheime der bei uns bekannten Art. (Ein Nebenaspekt: In diesen Ländern gibt es keine Bausparkassen ... )

In Mitteleuropa existiert dagegen ein bemerkenswertes Land, in dem noch weniger Bürger Wohneigentum haben als in Deutschland: Bei nur knapp über 30 Prozent liegt die Quote in der reichen und von uns oft beneideten Schweiz. Das Alpenland ist eng, dicht besiedelt und hat Gesetze, die eher dem Wohnen und der Geldanlage im Mietshaus förderlich sind. Dennoch erreichen die Schweizer in Solidität und Saturiertheit Weltniveau.

"Wohneigentum für alle" - und wer bezahlt?
Zuletzt noch ein sehr besitzbürgerliches Argument gegen Immobilieneigentum für alle: Deutschlands vermietete Wohnungen und Häuser sind rund

2,5 Billionen Mark wert. Wie soll dieses Vermögen in die Hände der heutigen Mieter kommen? Drei Wege wären denkbar:


  1. Erstens könnten die Mieter Konsumverzicht üben. Aber dazu fehlt ihnen oft der Spielraum, und der Wille auch. Auch drohte Deutschlands Autobauern, Bierbrauern und Textilhändlern der Ruin, würden plötzlich breite Nachfragerschichten ausfallen.
  2. Theoretische Möglichkeit zwei: Die Umverteilung des Wohneigentums wird quasi aus dem Wirtschaftswachstum finanziert - keiner muß etwas abgeben. Aber dann müßte mindestens 30 Jahre lang der Zuwachs der deutschen Wirtschaftsleistung in die Umverteilung der Immobilien gesteckt werden - politisch so unmögich wie ökonomisch absurd.
  3. Dritter Weg zum Wohneigentum für alle wäre eine Umverteilung von geradezu sozialistischen Ausmaßen. Vermieter müßten ihre Wohnungen verschleudern, oder die Wohlhabenden im Land (die eher Eigentümer sind) müßten die Ärmeren (meist also Mietern) den Immobilienkauf mitfinanzieren. Und das, damit sich unsere Eigentümerquote dem Stande Griechenlands oder Spaniens nähert?

Da kehren sich traditionelle politische Fronten in bizarrer Weise um: Wer von links her Umverteilung fordert, muß erzbürgerliches Wohneigentum für alle anstreben. Wer aber Vermögensverteilung und soziale Verhältnisse in diesem Land konservieren will, muß darauf setzen, daß die Mieter noch lange Mieter bleiben.

(Zwischenüberschriften von der Redaktion)



Häuser unterm Hammer
Im Jahre 1997 wurden 39.500 Immobilien wegen Überschuldung versteigert. Davon waren 70 % Ein- und Zweifamilienhäuser sowie Eigentumswohnungen. 1998 stieg die Zahl der Zwangsversteigerungen auf 48.461 an.



Eigenheim und Scheidung
In Bayern hat der Landkreis Fürth die höchste Scheidungsrate. Für die dortigen Eheberater ist der Bau eines Eigenheims oft das ende einer Ehe: Das billige Bauland in dem Landkreis ziehe zahlreiche junge Familien an. Viele Ehen seien dann dem Druck von Schulden, dem Streß durch kleine Kinder und der Isolation in der neuen Umgebung nicht gewachsen.

 

Startseite | MieterEcho Archiv